Russlandkonferenz zeigt Chancen

Trotz der politischen Spannungen sehen Wirtschaftsexperten bei der virtuellen Russlandkonferenz der IHK große Potenziale

Russlandkonferenz der IHK Düsseldorf
Dr. Steffen Greubel, Vorstandsvorsitzender der Metro AG, hofft auf eine Entspannung der deutsch-russischen Beziehungen

Text: Jürgen Grosche, Fotos: Melanie Zanin
Derzeit sind die Beziehungen zu Russland auf politischer Ebene sehr angespannt. Vor diesem Hintergrund loteten Wirtschaftsexperten bei der coronabedingt virtuellen Russlandkonferenz der IHK Düsseldorf die Perspektiven für Unternehmen aus. Die sind gar nicht so düster, zeigten die Diskussionen. „Die Unternehmen, die in Russland investiv tätig sind, hatten ein relativ gutes Geschäftsjahr“, sagte Andreas Schmitz, Präsident der IHK Düsseldorf. Und das trotz der Probleme mit schwachem Wechselkurs, Corona und Sanktionen.
Exportierende Unternehmen sind allerdings von den Sanktionen betroffen. Schmitz zitierte eine ifo-Studie aus dem Jahr 2020, die den Umsatzverlust deutscher Unternehmen auf fünf Milliarden Euro beziffert. Der IHK-Präsident appellierte bei der Russlandkonferenz daher an die Politik, „besser miteinander zu reden als übereinander“.

„Die Politik der Sanktionen bringt beiden Seiten keinen Nutzen“, sagte der russische Generalkonsul in Bonn, Alexey Dronov. Er erkennt in vielen Bereichen Potenziale, zum Beispiel in Landwirtschaft, Tourismus, Digitalisierung, Städtebau oder Medizin. Im Energiesektor gebe es bereits eine vertiefte Kooperation, ebenso in der Wissenschaft. Der Anteil mittelständischer Unternehmen nehme zu. Die wirtschaftliche Zusammenarbeit solle auch auf dem Niveau der Regionen vorangetrieben werden. Dronov sieht hier NRW als Vorbild mit zahlreichen Städtepartnerschaften.
Bei der Russlandkonferenz mit zahlreichen Praxisbezügen bestätigte Metro-Chef Dr. Steffen Greubel den insgesamt positiven Eindruck. Die Metro habe im Russland-Geschäft, dem drittgrößten Markt nach Umsatz, 2021 ein Umsatzwachstum von 3,3 Prozent erwirtschaftet. Vor allem in den Zentren Moskau, St. Petersburg und Sochi stellt er eine „bemerkenswerte Entwicklung in der Gastronomie“ mit zahlreichen Auszeichnungen für Restaurants fest. Die Folgen der Sanktionen seien „für uns als Händler überschaubar“.

Gesundheitsmarkt auf Expansionskurs

Welche Chancen für deutsch-russische Kooperationen zum Beispiel in der digitalen Gesundheitswirtschaft schlummern, machte der Vorstandsvorsitzende der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK), Matthias Schepp, am Beispiel der Telemedizin deutlich: „Der Markt ist 2020 um 300 Prozent gestiegen.“ Russland gehöre zu den Ländern in der Welt, die hier ganz vorne mitspielen.
„Europäische Unternehmen haben große Chancen, hier ihre starke Stellung im Markt auszuspielen“, ist auch der Generaldirektor der Association of European Businesses, Tadzio Schilling, überzeugt. Die Region Düsseldorf könne davon ebenfalls profitieren, sagte Annette Klerks von der Wirtschaftsförderung Düsseldorf. Die Region sei stark in der Gesundheitswirtschaft und biete aktive Netzwerke. Klerks betonte in dem Zusammenhang die Bedeutung der Messe, die Start-ups auch aus Russland den Zugang zum Markt eröffne.

Ein weiteres Beispiel für Märkte mit Potenzial ist das Segment der Clean-Tech-Lösungen, also der Technologien, die zum Beispiel im Recycling zum Einsatz kommen. Michail Karjakin, Geschäftsführer des Unternehmens Enviro Chemie in Russland, nannte bei der Russlandkonferenz die Aufbereitung von Wasser in der Öl- und Gasindustrie als interessantes Thema. Oder „Begleitstoffe der Produktion in Wertstoffe zu verwandeln, anstatt sie abzufackeln“, was Dr. Georg Wießmeier, Forschungs- und Innovationsleiter des größten russischen Petrochemieunternehmens Sibur, als Beispiel einbringt. In seiner Branche sei Clean-Tech schon lange ein Thema. Hier müssten wirtschaftlich effiziente Prozesse geschaffen werden; die Unternehmen seien auf Kooperationen angewiesen.
Die russische Regierung habe den ökologischen Umbau der Wirtschaft auf dem Plan, sagte Ekaterina Karpushenkova, Repräsentantin der Außenwirtschaftsförderungsgesellschaft NRW.Global Business in Russland. Bis zum Jahr 2030 solle die Gesundheit der Bevölkerung und die Ökologie verbessert werden. Dafür stelle der Staat ein Fördervolumen von 45 Milliarden Euro bereit. Deutschland habe da viel zu bieten und sei zum Beispiel im Wachstumssegment Energieeffizienz Vorreiter. Karpushenkova wies in dem Zusammenhang auf die aktuell geplante Unternehmerreise „Clean-Tech“ hin.

Russlandkonferenz gab Tipps zu Verkaufsstrategien

Auch auf dem Markt der Elektroautos tut sich einiges, wie Stefan Mecha, Geschäftsführer von Volkswagen in Russland, feststellte. Derzeit sind die Zahlen noch bescheiden. Immerhin hat VW 900 von insgesamt 1.000 Elektrofahrzeugen im Gesamtmarkt verkauft. Bis 2030 soll aber der Markt auf 350.000 Autos wachsen.
„Russland ist ein Messeland“ und damit gut geeignet für Geschäftsanbahnungen, betonte Thomas Stenzel, Geschäftsführer der Messe Düsseldorf Moskau. Mittlerweile gebe es auch Fachmessen in den Regionen. Beim konkreten Einstieg ins Geschäft seien Personen hilfreich, die die Aktivitäten auf dem russischen Markt koordinieren, schilderte Dr. Matthias Ihlow, Geschäftsführer der Magdeburger Industriearmatur-Manufaktur, aus eigenen Erfahrungen. Besonders dynamisch wachse derzeit der Markt für Konsumgüter des alltäglichen Bedarfs, sagte Johannes Tholey, Unternehmensberater für den russischen Markt.

Russlandkonferenz der IHK Düsseldorf
Ralf Schlindwein, Geschäftsführer International der IHK Düsseldorf, Felix Neugart, Geschäftsführer NRW.Global Business, und Burkhard Dahmen, Vorstandsvorsitzender des Düsseldorfer Anlagenbauers SMS Group und IHK-Vizepräsident (von links).

Matthias Schepp von der AHK zitierte eine Umfrage seiner Organisation, nach der 60 Prozent der befragten Unternehmen für 2022 eine bessere Wirtschaftsentwicklung als im vergangenen Jahr erwarten. 31 Prozent planen Investitionen. Das Handelsniveau liege zwar unter dem von 2014, also vor den Sanktionen, räumte Felix Neugart, Geschäftsführer von NRW.Global Business, ein. Aber im vergangenen Jahr hätten sich 30 russische Unternehmen in NRW angesiedelt, ein Rekord. Da NRW stark in der Entwicklung von Wasserstoff-Technologien sei und auch Russland hier Erfahrungen habe, biete sich hier der Ausbau von Partnerschaften an.
Wichtig sei ein „permanenter Kontakt mit den Kunden vor Ort“, sagte Burkhard Dahmen, Vorstandsvorsitzender des Düsseldorfer Anlagenbauers SMS Group und IHK-Vizepräsident. Es komme darauf an, Vertrauen aufzubauen. Für die metallurgische Industrie sei die Dekarbonisierung zur Reduzierung von CO2 eines der relevantesten Themen auch in Russland.
„Wir hatten 2021 unser bisher erfolgreichstes Jahr mit einem sehr relevanten Umsatzanteil in Russland für die Gruppe Claas“, schilderte die Aufsichtsratsvorsitzende des Landwirtschaftsmaschinenherstellers Claas, Cathrina Claas-Mühlhäuser. Der russische Markt sei als größter Weizenexporteur „extrem attraktiv“.

Herausforderungen bewältigen

Bei allen Chancen sehen die Wirtschaftsvertreter auch Belastungen – jenseits der politischen Spannungen. Zwei Themen griffen die Diskussionsteilnehmer heraus, zum einen die Medizinchecks für Ausländer. Seit Jahresende müssen sie wiederkehrende Tests auf Krankheiten wie Syphilis oder Lepra sowie auf Drogen machen. Schepp sieht darin keine politischen Gründe. „Es ist einfach ein schlecht gemachtes, übereiltes Gesetz.“ Schepp ist aber überzeugt, dass die härtesten Einschränkungen wieder zurückgenommen werden.
Für Unternehmen herausfordernd ist nach Aussagen der Experten vor allem die Lokalisierungsagenda. Der Staat will den Aufbau der Produktion in Russland fördern. Bei öffentlichen Ausschreibungen sollen Unternehmen, die in Russland produzieren, bevorzugt werden. „Diese Regulierung macht uns Sorgen“, sagte Tadzio Schilling von der Association of European Businesses. Sie fördere monopolistische Tendenzen. „Eine Lokalisierungsforderung von 80 Prozent ist für uns unrealistisch“, sagte Cathrina Claas-Mühlhäuser. Selbst im deutschen Stammwerk erreiche die Wertschöpfungstiefe, also der in Deutschland produzierten Anteile, nur 25 bis 30 Prozent.
„Wer lokal fertigt, sollte auch wie ein lokales Unternehmen behandelt werden“, forderte Schepp, der unterm Strich das Ziel, den lokalen Anteil an der Produktion zu erhöhen, für legitim hält. Lokalisierung sei nicht nur in Russland ein Thema, sondern als Tendenz in vielen Ländern zu erkennen, sagte Falk Tischendorf, Rechtsanwalt und Leiter der Russlandpraxis der Kanzlei Advant Beiten, der in seinem Impulsvortrag einen Überblick über die Entwicklung gab.

Russlandkonferenz der IHK Düsseldorf
Bei der Russlandkonferenz der IHK waren dabei (von links): Moderator Ralf Schlindwein, IHK-Geschäftsführer International, Dr. Steffen Greubel, Vorstandsvorsitzender der Metro AG, IHK-Präsident Andreas Schmitz, Moderator Aaron Röschke, Leiter Russland Kompetenzzentrum Düsseldorf, und Annette Klerks, Abteilungsleiterin International Business Service, Wirtschaftsförderung Düsseldorf.

Über die Russlandkonferenz


Die Russland-Konferenz der IHK Düsseldorf wird unterstützt vom 
Russland Kompetenzzentrum Düsseldorf sowie der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer.
Sie ist die größte auf die Wirtschaft bezogene Russland-Konferenz in Deutschland zu Beginn eines jeden Jahres. In diesem Jahr waren 1.200 Teilnehmende dabei.
Partner waren


NRW.Global Business sowie Advant Beiten.

Der Mitschnitt der digitalen Russlandkonferenz kann im Internetauftritt der IHK Düsseldorf abgerufen werden.

Unternehmen, die Fragen zu Geschäften in Russland haben, können sich bei der IHK Düsseldorf an das Russland Kompetenzzentrum wenden.

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Die Redaktion