Interview: Tobias Havers | Fotos: Eyecatchme. Photography

Der gebürtige Rheinländer Frank Thelen ist einer der bekanntesten Start-up-Investoren Deutschlands. Mit seinen Investitionen in Tech- und Food-Startups hat er sich auch international einen Namen gemacht. Wir haben Frank Thelen zu Gründung, Schule-Wirtschaft und zur Metropolregion Rheinland gefragt. Und was er in 20 Jahren macht.

Lieber Frank, als Investor achtest Du bei Geschäftsideen stark auf deren Skalierbarkeit. In Deinem Buch gibt es den fast schon legendären „Spickzettel“ zu sehen, den Du in der Anfangszeit von DHDL (Anm.: Die Höhle der Löwen, Vox) verwendet hast. Sieht der immer noch so aus wie vor 2-3 Jahren, oder achtest Du heute auf andere Indikatoren?

Der Spickzettel war speziell für meine Zeit bei DHDL, wo es hauptsächlich um Consumer Products ging. Hier spielten Faktoren wie Skalierbarkeit, Product Market Fit und Marge natürlich eine große Rolle. Doch meine Zeit bei DHDL ist vorbei, ich möchte mich mit Freigeist ab jetzt nur noch auf Deep-Tech-Startups konzentrieren. Hier sind die Haupt-Indikatoren ganz klar andere: Ist die Technologie oder das Produkt realisierbar und löst sie ein großes Problem? Wir sind auf der Suche nach herausragenden Teams, die mithilfe von Sprung-Innovationen unser Leben nachhaltiger, sicherer und besser machen wollen.

Die Gründer müssen eine klare Vision haben

Welche Charaktermerkmale sind Dir bei Gründerinnen und Gründern besonders wichtig? Was macht eine optimale #StartupDNA aus Deiner Sicht aus?

Die Gründer müssen eine klare Vision haben und für ihr Startup brennen. Sie sollten reflektiert sein und bereit, alles zu geben und hart zu arbeiten. Und sie sollten die Dinge anders denken, im Idealfall nach dem „First Principles“-Prinzip.


Die IHK Düsseldorf war jüngst mit mehreren NRW-Startups zu Besuch in New York und Boston. Die Gründerinnen und Gründer nahmen u. a. an Workshops, Firmenbesuchen und Investorengesprächen teil. Wie wichtig ist es für Unternehmerinnen und Unternehmer, ihre Perspektive zu erweitern, z. B. durch Auslandsbesuche?

Gerade für deutsche Gründer kann ein Besuch in den USA wertvolle Impulse geben, da wir viel vom Mindset der Amerikaner lernen können. Wir müssen anfangen, groß zu denken, eine 10xDNA zu entwickeln – und zwar so früh wie möglich. Aber man sollte auch nicht zu viel Zeit damit verbringen, Eindrücke im Ausland zu sammeln und mit den nötigen Impulsen im Gepäck dann auch zuhause anfangen, zu bauen und Dinge umzusetzen.

Unternehmer aus Leidenschaft: Frank Thelen brach das Informatikstudium ab, um sein Unternehmen aufzubauen. Fotos: Eyecatchme. Photography

Die IHK-Organisation engagiert sich für eine stärkere Gründungskultur in Deutschland. Wo siehst Du die zentralen Stellschrauben, um neue Anreize für Gründung zu schaffen?

Abbau von Auflagen und Regulierungen. Warum kann ich mein Unternehmen nicht online gründen, bin für die ersten 24 Monate oder bis zur ersten Umsatz-Millionen von vielen Auflagen und Regulierungen befreit? Wir brauchen eine “Entfesselung” wie sie Armin Laschet und Andreas Pinkwart in NRW schon gut voran bringen.


Stichwort „Schule und Wirtschaft“. Als IHK sagen wir, Unternehmertum gehört systematisch in die Lehrpläne! Würdest Du das unterschreiben?

Doppelt! Auf meinem idealen Lehrplan stehen die Grundbausteine, also Mathe, Physik, Chemie, Anatomie und dazu Unternehmertum und Wirtschaft, um aus dem Erlernten dann auch etwas erschaffen zu können. Kunst und Philosophie sind für die Entwicklung sehr wichtig, aber kein Mensch braucht heute noch Latein. Unsere Lehrpläne müssen dringend überarbeitet werden, aber dafür braucht es eine Reform des gesamten Schulsystems und der steht aktuell noch der Föderalismus im Weg.


Wir fordern seit langem den Bürokratieabbau in allen Phasen eines Unternehmens. In nahezu jedem IHK-Beratungsgespräch monieren die Gründerinnen und Gründer die bestehenden Bürokratiehürden. Und jedes zweite Startup bemängelt laut DIHK-Umfragen die unübersichtliche Förderlandschaft mit komplizierten Antragswegen. Wie bewertest Du die aktuelle Situation?

der Prozess der Unternehmensgründung müsste viel einfacher aufgebaut sein.

Auch hier braucht es eine Reform. Nicht nur der Staat sondern auch sämtliche Unternehmen und somit letztendlich die deutsche Wirtschaft leiden unter diesem Bürokratie-Wahnsinn. Im Grunde sind sich doch alle einig, dass sich hier etwas ändern muss. Aber auch hier sehe ich das gleiche Problem: Unsere Regierung trifft aktuell keine progressiven Entscheidungen und setzt die Dinge nicht zielstrebig durch. Meiner Meinung nach sollte alles nötige digital dokumentiert werden, was mithilfe von Blockchain-Technologie so sicher wie noch nie möglich ist. Insgesamt müsste der Prozess der Unternehmensgründung viel einfacher aufgebaut sein.


Welche Unternehmen aus unserem IHK-Bezirk findest Du persönlich besonders spannend?

Trivago, einer der wenigen deutschen Champions. Ich schätze den Gründer Rolf Schrömgens sehr.


alles, was es zum Gründen braucht, findet man auch hier im Rheinland.

Gute Verkehrsanbindungen, eine hoch entwickelte Bildungslandschaft, mittelständische Weltmarktführer und internationale Unternehmen, hochwertige Kultur- und Freizeitangebote: Hat die Metropolregion Rheinland als Gründungsstandort eine besondere Bedeutung für Dich? Und was macht das Gründungsklima im „Rheinland Valley“ aus?

Das Rheinland hat in meinen Augen vor allem einen geografischen Vorteil: Durch die vielen, nahegelegenen Städte haben Startups hier automatisch mehr Möglichkeiten, sich zu vernetzen und Unterstützung zu erfahren. Ich habe alle meine Unternehmen aus Bonn heraus gegründet und kann sagen: der Standort steht Berlin in nichts nach. Natürlich hat man dort eine andere Dichte aber alles, was es zum Gründen braucht, findet man auch hier im Rheinland.


Du bist jetzt 44 Jahre alt. Wir sind neugierig, was machst Du in zwanzig Jahren?

In 20 Jahren werde ich hoffentlich mit Freigeist mindestens einen relevanten Technologie-Weltmarktführer mit aufgebaut haben. Ich hoffe, dann nach wie vor in einem wirtschaftlich starken Europa zu leben, das seine Klimaziele erreicht hat und das auf Augenhöhe mit den USA und China über globale Themen reden kann. Und es wäre schön, wenn ich dann mit meiner Frau Nathalie um die Welt segeln könnte.

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