Autor: Daniel Boss / © IHK Mittlerer Niederrhein / Januar 2026
Beim „NRW-Wirtschaftsforum Ukraine“ unter Beteiligung der IHK zu Düsseldorf ging es um konkrete Praxisbeispiele, Rahmenbedingungen und Perspektiven.
Es liegt einerseits auf der Hand, dass die Ukraine derzeit kein Markt wie jeder andere ist. Seit dem russischen Angriff am 24. Februar 2022 befindet sich das Land in einer prekären Lage. Neben dem menschlichen Leid zerstört der Krieg auch Infrastruktur, hemmt Investitionen und zwingt Unternehmen zur Improvisation. Andererseits halten viele deutsche Unternehmen an ihrem langjährigen Engagement fest, denken über eine Ausweitung oder gar einen erstmaligen Einstieg nach. Deutsche Exporte in die Ukraine verzeichnen einen signifikanten Anstieg. Durch Unterstützung im militärischen Bereich, aber auch in Form von zivilen Gütern gingen die Ausfuhren im ersten Halbjahr 2025 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um etwa 30 Prozent auf rund 4,5 Milliarden Euro nach oben. Der Wiederaufbau des gebeutelten Landes wird Milliarden erfordern, aber vermutlich auch Reformen beschleunigen und neue Branchen stärken – von Energie über Agrarwirtschaft bis IT. So paradox es auf den ersten Blick erscheinen mag: Im Schatten des Krieges entsteht ein außergewöhnliches Zukunftspotenzial, das schon jetzt deutlich erkennbar ist. Hauptgeschäftsführer der IHK Mittlerer Niederrhein Jürgen Steinmetz betont zu Beginn der Veranstaltung: „Seit nun fast vier Jahren wehrt sich die Ukraine gegen die russische Aggression. Solidarität und Unterstützung sind enorm wichtig. Als Vertretung der regionalen Wirtschaft ist es uns ein Anliegen, die Ukraine in dieser schwierigen Zeit zu stärken, aber auch unsere Mitgliedsunternehmen auf die Chancen der Zusammenarbeit hinzuweisen“



Wer heute die Risiken richtig einschätzt und Partnerschaften auf ukrainischer Seite aufbaut, kann morgen Teil eines dynamischen Wachstumsraums sein. Anders formuliert: Wer jetzt ein wenig Mut beweist, wird mittel- und langfristig dafür belohnt. So lautete die vielleicht wichtigste Botschaft des NRW-Wirtschaftsforums Ukraine im Neusser Zeughaus, veranstaltet von der IHK Mittlerer Niederrhein mit den Partnern IHK Düsseldorf und NRW.Global Business. Oleksii Makeiev, Botschafter der Ukraine in Deutschland, betonte, dass die Unterstützung seines Landes durch Deutschland auf politischer Ebene sehr gut sei.
„Es gibt aber auch ein enormes Potenzial für deutsche Unternehmen. Wer sich jetzt engagiert, wird sich die besten Positionen sichern können, wenn der Wiederaufbau des Landes im großen Stil beginnt.“
Oleksii Makeiev, Botschafter der Ukraine in Deutschland
Die erste Veranstaltung dieser Art bot vor allem kleinen und mittelständischen Unternehmen aus Nordrhein-Westfalen eine hervorragende Gelegenheit, sich aus erster Hand über die aktuellen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in der Ukraine zu informieren. Neben Förder- und Finanzierungsinstrumenten ging es vor allem um die Frage, welche Chancen sich aktuell im Außenhandel und bei Projekten in der Ukraine bieten und wie die zweifellos vorhandenen Unsicherheiten gemanagt werden können.
Im Rahmen des Panels „Geschäftspraxis Ukraine: Realität, Rahmenbedingungen, Perspektiven“, sprach Ralf Schlindwein, Geschäftsführer International der IHK zu Düsseldorf, darüber mit dem Juristen und Ukraine-Experten Dr. Julian Ries (Impacta Law), Reiner Perau, Geschäftsführer der Deutsch-Ukrainischen Industrie- und Handelskammer (AHK Ukraine), sowie Dr. Ekkehard zur Mühlen, Geschäftsführer der in NRW ansässigen MC-Bauchemie Müller GmbH & Co. KG, die seit Jahren in der Ukraine aktiv ist. Nach Kriegsbeginn hatte sich das Unternehmen zu dem klaren Bekenntnis entschieden, sich nicht aus dem Land zurückzuziehen. Auch Reinvestitionen sind weiterhin möglich: zur Mühlen berichtete, dass sich das Geschäft ab Ende 2022 wieder erholt habe – es sei nur ein anderes geworden. Vom Neubaubereich habe sich der Schwerpunkt auf Sanierungen verschoben.
„Der Wiederaufbau des Landes ist eine große Herausforderung, aber auch eine Chance für eine nachhaltige Entwicklung, die auf eine zukünftige Mitgliedschaft in der EU abzielt.“
Mona Neubauer, Wirtschaftsministerin des Landes Nordrhein-Westfalen
AHK-Geschäftsführer Perau sagte, dass trotz schwieriger Rahmenbedingungen wie etwa hoher Energiekosten (durch kriegsbedingter Generatoren-Nutzung) viele Unternehmen weiterhin von schwarzen Zahlen berichteten. Überhaupt ist wirtschaftlich eine große Dynamik spürbar. Er erklärte, dass er seine Tätigkeit zwar unter den Vorzeichen des Krieges begonnen habe und zunächst davon ausgegangen sei, die AHK vor allem durch eine sehr schwierige Zeit begleiten zu müssen. Umso mehr überrasche ihn bis heute, wie viel wirtschaftliche Aktivität in nahezu allen Bereichen weiterhin stattfinde. Sprich: Es gibt durchaus große Inseln der Normalität und Aufbruchstimmung. Vor diesem Hintergrund sei es ratsam – und trotz aller Bedenken auch möglich – sich persönlich ein Bild vor Ort zu machen. Interessierten Unternehmen empfahl er ausdrücklich, in die Ukraine zu reisen. Die AHK steht als erster Gesprächspartner gerne zur Verfügung.



Abschrecken sollten sich deutsche Unternehmen nach Ansicht der Runde auch nicht von Diskussionen über Korruption und Rechtsunsicherheit. Verwiesen wurde unter anderem auf die positive Entwicklung im Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International. Hier lag die Ukraine 2024 zwar weiterhin im roten Bereich, aber noch vor Ländern wie Brasilien oder der Türkei. Auch das Rechts- und Gerichtssystem habe sich sehr gut entwickelt, hieß es.
Gregor Berghausen, Hauptgeschäftsführer der IHK Düsseldorf, fasste die Ergebnisse des Tages zusammen. „Wir haben gelernt: Die Ukraine ist nicht nur ein Markt für die Zukunft, sondern vor allem auch für die Gegenwart. Mit Realismus, mit Professionalität und mit Partnern, die wissen, was sie tun, funktioniert das Geschäft in der Ukraine“, sagte Berghausen und kündigte für das kommende Jahr eine Neuauflage des NRW-Wirtschaftsforums Ukraine an.
„Solidarität ist keine Floskel – NRW steht an der Seite der Ukraine!“
Mona Neubauer, Wirtschaftsministerin des Landes Nordrhein-Westfalen

