Erkrath: Die Stadt mit der grünen Mitte

Die Stadt investiert, aber die Wirtschaft kritisiert das Verständnis der Politik für ihre Belange

Text: Ria Garcia, Illustration: Carsten Tiemessen

Die Stadtteile Hochdahl, Unterfeldhaus und Alt-Erkrath bilden „gefühlt“ für die meisten Erkrather auch Jahrzehnte nach der Gebietsreform keine wirkliche Einheit. Zu unterschiedlich sind die jeweiligen Stadtteilkerne, zu unterschiedlich zum Teil auch die Menschen, die in den Stadtteilen leben. Während die Menschen in Alt-Erkrath mit ‚in die Stadt fahren‘ meist Düsseldorf meinen, spüren die Menschen in Hochdahl eher die Nähe zu Haan und Gruiten. In Unterfeldhaus wiederum ist man auch ganz nah an Hilden. Und dort, wo vielleicht die Mitte einer Stadt liegen sollte, befinden sich Naherholungs- und Naturschutzgebiete. Sie hindern die Stadtteile daran weiter zusammenzuwachsen. Eine der größten Herausforderungen liegt deshalb möglicherweise für die Politik und Verwaltung darin, über die geografischen Besonderheiten hinweg das Bewusstsein „wir sind Erkrather“ wachsen zu lassen.

Das Defizit steigt

Erkraths Haushaltsplan wies zu Jahresbeginn für das Jahr 2020 investitionsbedingt ein Defizit von 2,95 Millionen Euro auf. Mit Beginn der Corona-Krise nahm Kämmerer Thorsten Schmitz ein Finanzcontrolling vor, um die coronabedingten Ausfälle an Gewerbe-, Umsatz-, Einkommens- und Vergnügungssteuer abschätzen zu können. Im Juni lag das Defizit bei neun Millionen Euro, inzwischen liegt es bei zwölf Millionen und bis zum Jahresende erwartet Thorsten Schmitz 15 Millionen. Es hätte schlimmer kommen können, aber Erkrath hat keinen stark betroffenen Branchenschwerpunkt. Die Stadt habe auch in der Krise ihre Investitionen nicht zurückgefahren. Während Schulen und Kitas wegen Corona vorübergehend schließen mussten, hat die Stadt notwendige Bauunterhaltungen vorangetrieben.

„Eine Erhöhung der Gewerbe- und Grundsteuerhebesätze würde vielen Unternehmen den Rest geben“

Wido Weyer, Mentor GmbH & Co. Präzisions-Bauteile KG

„Wir können noch nicht einschätzen, wie sich die Kreisumlage entwickelt“, zählt Thorsten Schmitz eine der finanziellen Unbekannten für den Haushalt 2021/2022 auf. „Eine Anhebung der Hebesätze steht für uns dennoch im Moment überhaupt nicht zur Diskussion. Das wäre das vollkommen falsche Signal“, ist er sicher. Die Stadt habe auch in der Krise ihre Investitionen nicht zurückgefahren. „Eine Erhöhung der Gewerbe- und Grundsteuerhebesätze würde vielen Unternehmen den Rest geben“, weiß auch Wido Weyer, Mentor Geschäftsführer und Vorsitzender des IHK-Ausschusses Erkrath. Sein Unternehmen war selbst stark von der Krise betroffen, für seine Mitarbeiter musste er Kurzarbeit beantragen. Andere Förderungen und Zuschüsse kamen für sein Unternehmen nicht in Frage. Diese Erfahrung dürften auch andere Unternehmen gemacht haben. Inzwischen geht es bei Mentor langsam wieder aufwärts, die Kurzarbeit kann nach und nach abgebaut werden.

Digitalisierung voranbringen

Die Erkrather Wirtschaft fühlt sich, so Weyer, von Politik und Verwaltung ein wenig im Stich gelassen. Mitten in der Corona-Krise, als die Wirtschaft große Not hatte, war die Verwaltung schwer zu erreichen. Auch in der Politik sei das nicht viel besser. „Schauen Sie doch einmal in die Wahlprogramme der Parteien. Was steht da zu Wirtschaft?“, bemängelt Wido Weyer das Verständnis der Politik für wirtschaftliche Belange.
Von der Verwaltung wünscht sich die Wirtschaft – wie aus dem IHK-Positionspapier hervorgeht – einen besseren Stand der Digitalisierung und engere Kontakte in die Unternehmen. Ihnen könnte es aus Weyers Sicht vieles erleichtern, wenn Bauanträge und ähnliches auch online gestellt werden könnten. „Hier in Erkrath kann man ja als Bürger nicht einmal eine gelbe Tonne online beantragen“, nennt er ein Beispiel für den Stand der Digitalisierung. Die Vernetzung Politik – Verwaltung – Wirtschaft hält er für stark verbesserungswürdig.

Gewerbeflächen sind knapp

Die Infrastruktur vom Glasfaserausbau bis hin zur Anbindung des ÖPNV an die Gewerbegebiete und die Anfahrtsmöglichkeiten der Lieferverkehre beurteilt die Wirtschaft hingegen als gut. Was in der Stadt fehle, seien Gewerbeflächen zur Neuansiedlung, aber auch zur Erweiterung vorhandener Unternehmen. Das Gewerbegebiet Unterfeldhaus sei ‚in die Jahre gekommen‘. Viele Gebäude entsprächen nicht mehr dem heutigen Standard und über die daraus resultierenden Leerstände diskutiere die Politik. Aus Sicht von Wido Weyer wäre auch hier viel mehr direkter Kontakt zwischen Verwaltung und Immobilienbesitzern notwendig. „Wenn man etwas machen will, muss man sich bewegen.“

Was sagen die Bürgermeisterkandidaten zur den Forderungen der Wirtschaft? Antworten gibt es in der IHK-Wahlarena.

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