Autorin: Gesa van der Meyden / © Melanie Zanin / Januar 2026
Viele Unternehmen suchen Fachkräfte, viele Menschen mit Behinderung einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt. Die Fachpraktikerausbildung ist ein Weg, beide zusammen zu bringen und Inklusion zu einem selbstverständlichen Teil der Arbeitswelt zu machen.
Mit der Veranstaltung „Inklusiv ausbilden – Vielfalt schafft Zukunft: Fachpraktikerausbildung als Chance für Betriebe“ hat die IHK Düsseldorf vergangene Woche ein Thema in den Fokus gerückt, das gesellschaftlich hoch relevant ist. Wie Gregor Berghausen, Hauptgeschäftsführer der IHK Düsseldorf, in seinem Grußwort betonte, zählt „die Fachkräftesicherung zu den größten Herausforderungen für Unternehmen in unserer Region.“ Dennoch bleibe eine Gruppe noch zu häufig außen vor, wenn es um die Vergabe von Ausbildungsplätzen in Betrieben gehe: Menschen mit Behinderungen. An sie richtet sich die Fachpraktikerausbildung, die sich inhaltlich an der regulären Ausbildung orientiert, aber weniger Theorie enthält. Wer sie abschließt, ist qualifiziert für den ersten Arbeitsmarkt. Auch ein Wechsel in die „reguläre“ Ausbildung oder eine Weiterbildung zum Vollberuf ist explizit möglich.
„Wir als IHK Düsseldorf legen schon lange einen Schwerpunkt auf das Thema Inklusion und arbeiten eng mit der Bundesagentur für Arbeit und Integrationsfachkräften zusammen, um allen Menschen eine Partizipation am Arbeitsmarkt und damit an der Gesellschaft zu ermöglichen“, sagte Berghausen. Da sich der Fachkräftemangel aufgrund des demographischen Wandels eher verschärfen wird, müssen die Unternehmen ihren Blick weiten, wenn es um die Suche nach geeigneten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geht. Bei der IHK, die ebenso wie Beratungsstellen, Integrationsfachdienste und Inklusionsämter zu den Einheitlichen Ansprechstellen für Arbeitgeber (EAA) zählt, finden diese Fachleute, die sie auch über die diversen staatlichen Fördermöglichkeiten aufklären. „Inklusive Ausbildung ist kein Randthema, sondern die Zukunft“, erklärte der IHK-Hauptgeschäftsführer.



„Keine Schmalspur-Ausbildung, nur andere Schwerpunkte“
Karl-Josef Laumann, Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales in Nordrhein-Westfalen, sprach in seinem Grußwort darüber, wie wichtig es sei, Menschen mit Behinderungen nicht in einer Art Sondersystem zu halten, sondern sie ganz selbstverständlich in den regulären Arbeitsmarkt zu integrieren. In sehr vielen Berufen und Branchen sei das möglich. „Es gibt diverse Aufgaben, für die es nicht viel Theorie braucht, etwa in der stationären Pflege, bei Catering-Unternehmen, bei Assistenzberufen wie Alltagshelfern in Kitas und Schulen. Auch die Digitalisierung gleicht sehr viele Beeinträchtigungen völlig aus“, so der Minister. Inzwischen gebe es eine Reihe von Fachpraktikerausbildungen in unterschiedlichen Berufen, Tendenz steigend. „Es handelt sich hier auch nicht um eine Schmalspur-Ausbildung, es werden nur etwas andere Schwerpunkte gesetzt.“
Dass es für Unternehmen ganz praktische und eigennützige Gründe geben kann, Menschen mit Behinderung einzustellen, machte Raúl Krauthausen in seiner Keynote deutlich. Der 44-Jährige sitzt wegen der Glasknochenkrankheit seit seiner Geburt im Rollstuhl und gehört zu den bekanntesten Aktivisten für die Interessen behinderter Menschen in Deutschland. Geplant war das allerdings nicht. „Ich wollte nie der Berufsbehinderte sein, habe Kommunikation studiert und in der Werbung gearbeitet.“ Es habe sich eher ergeben, da er zu oft auf Widerstände gestoßen sei, die er nicht nachvollziehen konnte. „An einem meiner Arbeitsplätze gab es eine Behindertentoilette, allerdings ließ die sich nicht abschließen.“ Er könne viele weitere Beispiele dieser Art aufzählen.
„An einem meiner Arbeitsplätze gab es eine Behindertentoilette, allerdings ließ die sich nicht abschließen.“
Raúl Krauthausen
„Nur Begegnungen schaffen die Barrieren in den Köpfen ab“
Dabei geht es Krauthausen nicht darum, Mitleid zu erregen oder in einer Opferrolle zu verharren, im Gegenteil. Behinderung soll bei der Bewertung eines Menschen und seiner Fähigkeiten einfach keine Rolle mehr spielen. „Praktische Maßnahmen helfen viel mehr als gut gemeinte Plakat-Aktionen: baut barrierefreie Spielplätze, lasst alle Kinder zusammen lernen. Oft heißt es von Bildungseinrichtungen, sie seien für behinderte Kinder nicht ausgebildet, aber das waren die Eltern auch nicht: learning by doing! Nur Begegnungen schaffen die Barrieren in den Köpfen ab, von denen viele gern reden.“



Zudem brächten Menschen mit Behinderungen aufgrund ihrer Erfahrungen nützliche Fähigkeiten mit sich. „Wir stoßen ständig auf Situationen, in denen wir einen Plan B brauchen, wir sind sehr lösungsorientiert und denken sehr praktisch.“ Natürlich könne er kein Dachdecker sein, aber er habe viele andere Möglichkeiten. „Vergesst Kategorien wie behindert oder nicht behindert, und fangt am besten bei den Kleinsten damit an“, betonte Krauthausen.
Wie sinnvoll es ist, bei der Suche nach Personal die große und oft ungesehene Gruppe der behinderten Menschen mit einzubeziehen, zeigt seit vielen Jahren David Hegemann, Inhaber von fünf Rewe-Märkten in Düsseldorf und Träger des Wirtschaftspreises für Inklusion 2024. Gemeinsam mit Roderich Dörner, HR-Partner Inklusion bei Rewe-West, erläuterte er bei der Veranstaltung der IHK, wie loyal, motiviert und verlässlich seine mittlerweile zehn Mitarbeitenden und zwei Azubis in der Fachpraktikerausbildung mit Behinderung sind und dass der Umgang auf Augenhöhe sowohl auf das Team als auch die Kunden ausstrahle. „Es schafft eine Form von Wertschätzung und Zusammenhalt. Viele Kunden kommen extra in meine Filialen, obwohl sie weiter weg wohnen, weil sie explizit unseren Ansatz unterstützen.“


