Text: Jürgen Grosche, Fotos: Paul Esser

Es begann im März. Gerade waren die gesamte Wirtschaft und das öffentliche Leben abrupt ausgebremst worden. Lock-Down total, die meisten Geschäfte geschlossen, auch die Stände auf dem Carlsplatz, dem Wochenmarkt in der Düsseldorfer Innenstadt. Leere Gänge, wo sonst emsig gehandelt wurde. Doch während manch ein Unternehmer verzweifelt erstarrte, ergriffen Ursula Wiedenlübbert, Sprecherin der Händlergemeinschaft, und Heiner Röckrath, Geschäftsführer der Betreibergesellschaft des Wochenmarktes, die Initiative. „Wir müssen was machen“, sagte die Sprecherin. Und so wurde schon ab dem 22. März ein Lieferservice aufgebaut.

„Was man bevorraten kann, wurde gekauft.“

Ursula Wiedenlübbert, KaffeeReich

Der startete vom Fleck weg gut. Verunsicherte Kunden kauften statt einem Pfund Kaffee gleich zwei Kilo, erinnert sich Ursula Wiedenlübbert. Die Kaffee-Sommelière betreibt selbst einen Stand auf dem Platz, das „KaffeeReich“. „Was man bevorraten kann, wurde gekauft.“ Auch zum Beispiel fünf Kilogramm Fleisch – zum Einfrieren. Doch nicht alle Händler trauten gleich dem Braten. Schließlich erwies der Wettbewerb seine Stärke. „Wenn ein Händler sieht, dass der Nachbar über den Lieferservice gut verkauft, dann macht er auch mit“, sagt Röckrath. Nachdem sich viele Kunden für längere Zeiträume eingedeckt hatten, ließen die Bestellungen zunächst etwas nach. „Der Lieferservice war noch zu wenig bekannt“, nennt die Händlersprecherin einen Grund. Doch der Zuspruch – insbesondere der Stammkunden – bestärkte die Initiatoren, nicht nur weiterzumachen, sondern den Service auszubauen. „Das nebenbei zu machen war keine Dauerlösung“, sagt Wiedenlübbert.

Service passt in die Zeit

Gepackte Tüten für den Lieferservice vom Carlsplatz.

Denn man dachte außerdem gleich weiter, in die Zukunft. Lieferservice nicht nur als Krisen-Lösung. Schon vor Corona wurde ja viel über die Zukunft des Einzelhandels nachgedacht. Der Online-Handel wächst beständig. „Das Lebensmittel-Segment ist davon zwar noch nicht so stark betroffen, doch auch hier nimmt das Online-Geschäft zu“, sagt Röckrath. „Da gehört ein Lieferservice dazu, das passt in die Zeit.“ Bald war ein Partner gefunden, der die Lieferungen übernimmt: der Düsseldorfer Innenstadt-Logistiker Incharge.


Der hat sich bereits einen Namen gemacht hat mit der Bündelung von Lieferverkehren. „Incharge hat Erfahrung damit. Das Unternehmen verfügt über Fahrzeuge, Lastenfahrräder und Mitarbeiter und ist ohnehin viel in der Stadt unterwegs“, begründet der Wochenmarkt-Geschäftsführer die Wahl des Partners. „Damit trägt der Service jetzt auch zur Verkehrsentlastung in der Innenstadt bei.“

Bestellung per Telefon, WhatsApp oder E-Mail

Der Carlsplatz-Lieferservice wurde zum Stichtag 1. Juli ausgegründet und läuft seither unter dem Namen „Carl“ mit eigenem Marktauftritt und einem Container-Büro auf dem Carlsplatz, in dem auch die Kundenbestellungen zwischengelagert und gekühlt werden. Anders als beim Online-Handel bestellen die Kunden telefonisch, per WhatsApp oder E-Mail individuell ihre Waren. Was die Stammkunden sehr schätzen: Sie wählen aus dem Angebot der 60 Händler die ihnen vertrauten Waren aus. Alles wird auf einer Rechnung gebündelt. Die Kunden bezahlen bei Lieferung bar, per EC- oder Kreditkarte, mit Paypal oder via Überweisung. Geliefert wird bei Bestellung bis 13 Uhr am Nachmittag des gleichen Tages. Sollte ein Produkt fehlen, bietet der Händler auch Alternativen an.

„Tradition muss man weiterentwickeln.“

Heiner Röckrath, Betreibergesellschaft des Wochenmarktes

Dieser persönliche Bezug ist Händlern und Stammkunden wichtig. Doch die Zeiten wandeln sich, und es gilt, neue Kundschaft zu gewinnen. Deshalb denken die Lieferservice-Initiatoren noch weiter in die Zukunft. „Das könnte bis zu einem virtuellen Einkaufsmarkt gehen, auf dem die Kunden einen Rundgang machen und die Händler ihre Waren anbieten“, wagt Röckrath einen Blick nach vorn. Und im Lieferservice wäre auch eine Zusammenarbeit mit benachbarten Geschäften möglich. „Tradition ist wichtig“, sagt Röckrath, „aber man muss sie weiterentwickeln“.


Grafik: Rüdiger Trebels

Anm. d. Red.: Durch die Coronakrise stand das Wirtschaftsleben keuchend, auf seinen Knien gestützt, an der roten Ampel. Jetzt kann man als Unternehmerin oder Unternehmer darauf warten, dass die Ampel wieder auf Grün springt. Oder man gibt sich mit der Warteposition nicht zufrieden und geht in Aktion! Wir zeigen Menschen, die aktiv geworden sind und exemplarisch für viele stehen. Und wir haben Vertreterinnen und Vertreter der Wirtschaft gebeten, uns ihre Einschätzung zu diesen Aktivitäten zu geben.

Andreas Schmitz, Präsident der IHK Düsseldorf

Foto: Andreas Wiese

Das Beispiel Carl, der neue Shopping-Helfer am Carlsplatz, zeigt besonders eindrucksvoll, wie Menschen in Krisenzeiten zusammenstehen, neue unternehmerische Ideen hervorbringen und dann mit viel Drive gemeinsam realisieren. Die IHK Düsseldorf hatte den individuellen Lieferservice der Händlerinnen und Händler bereits früh zu Beginn des Corona-Lockdowns in #GemeinsamStark, eine Online-Liste besonderer Angebote in der Coronakrise, aufgenommen. Daher freut es mich sehr, dass die 60 beteiligten Unternehmerinnen und Unternehmer weiterhin erfolgreich am Markt sind, und ihr Angebot mit dem Logistikunternehmen Incharge nun fortführen und ausweiten. Ein wortwörtlich starkes Best-Practice-Beispiel!