Messe Düsseldorf: „Die Bilanz ist ernüchternd“

Interview mit Messe-Chef Wolfram N. Diener über die Folgen der Corona-Pandemie und die fehlende Planungssicherheit.

Text: Werner Grosch, Foto: Messe Düsseldorf, Andreas Wiese

Herr Diener, wie fällt gut ein Jahr nach Beginn des ersten Lockdowns Ihre Bilanz für die Messe Düsseldorf aus?

Die Bilanz ist wie überall in der Branche ernüchternd. Mit einem  Umsatzeinbruch um fast zwei Drittel und einem Verlust von fast 65 Millionen Euro im vergangenen Jahr liegen wir leider absolut im Trend der Messebranche weltweit. Positiv für uns ist allerdings, dass wir in der Vergangenheit sehr solide gewirtschaftet und deshalb eine nach wie vor hohe Eigenkapitaldecke von rund 365 Millionen Euro haben.

Im Dezember haben Sie auch eine Prognose vorgelegt, nach der Sie für das laufende Jahr einen weiter sinkenden Umsatz und einen mit 77 Millionen Euro noch einmal höheren Verlust erwarteten. Inzwischen wurde der Lockdown mehrfach verlängert, viele Messen sind abgesagt oder finden nur virtuell statt, wie die Drupa, und ein Ende der Beschränkungen ist nicht in Sicht – können Sie die Prognose überhaupt noch halten?

Im Moment sehe ich keinen Grund, sie zu ändern, wir haben ohnehin vorsichtig geplant. Wie es dieses Jahr genau aussehen wird, werden wir etwa im Juni wissen, wenn klar ist, ob wir im dritten Quartal wieder Präsenzmessen ausrichten können oder nicht. Derzeit planen wir, dass zum Beispiel der Caravan Salon Ende August wie bereits letztes Jahr erfolgreich mit einem ausgereiften Hygiene- und Infektionsschutzkonzept stattfinden kann.

Wolfram N. Diener ist seit 1. Juli 2020 Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe Düsseldorf GmbH.
Foto: Messe Düsseldorf/ctillmann

Sie hatten die Kurzarbeit zunächst bis Ende März verlängert, sie wird aber nun fortgesetzt?

Wir haben gerade mit dem Betriebsrat eine Vereinbarung getroffen, in der wir die Kurzarbeit bis zum Ende des Jahres verlängern.
Diese Vereinbarung enthält aber auch die Option, den Umfang der Kurzarbeit schon vor Jahresende nach und nach zu reduzieren, sobald wir wieder Präsenzmessen veranstalten können.

Welche Voraussetzungen müssen dafür erfüllt sein?

Die Politik muss klare Rahmenbedingungen schaffen. Bei all den politischen Entscheidungen, die getroffen werden müssen und bei der Vielzahl an betroffenen Branchen, ist es sicherlich nicht leicht, alle gleichermaßen differenziert zu betrachten. Aber wir würden uns schon etwas mehr Planungssicherheit und vor allem eine Perspektive wünschen. Im Moment wirkt es so, als ob die Messebranche nicht differenziert betrachtet wird. Damit meine ich ausdrücklich nicht die Stadt Düsseldorf, sondern den Bund.

Woher kommt dieser Eindruck?

Ich finde es deprimierend, dass wir in Deutschland eine Debatte führen, unter welchen Bedingungen Reisen nach Mallorca möglich sind, aber keine darüber, wie sich Geschäftsreisen organisieren lassen, etwa mithilfe digitaler Tools, in denen Tests oder Impfungen von Reisenden erfasst werden. Und das in einem Land, das vom Export und vom internationalen Handel extrem abhängig ist. Auf eine solche Idee würde in den USA, in China oder Japan überhaupt niemand kommen. Dort geht es in allererster Linie darum, die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Bei uns hingegen scheint vielen Verantwortlichen immer noch nicht klar zu sein, wie ernst die Lage für viele Betroffene ist.

Können digitale Formate die Präsenzmessen als Geschäftsmodell für die Düsseldorfer Messe ersetzen?

Sicher nie vollständig. Derzeit sind diese Plattformen wirtschaftlich noch keine lohnenswerte Alternative, auch weil die Zahlungsbereitschaft bei Ausstellern wie Besuchern deutlich geringer ist als bei Präsenzmessen.

Am Messehotspot herrscht derzeit gähnende Leere.
Foto: Messe Düsseldorf/Ansgar van Treeck

Das wird sich sicher noch entwickeln, aber dazu muss auch der technische Ausbau der entsprechenden Services weitergehen. Außerdem merken gerade viele Aussteller, wie unerlässlich der persönliche Kontakt ist, deshalb macht sich an dieser Stelle auch große Ernüchterung breit.
Eine Umfrage hat gerade ergeben, dass 79 Prozent der Unternehmen wieder an Präsenz- oder Hybridveranstaltungen teilnehmen wollen. Die anderen 21 Prozent haben das größtenteils auch schon vor der Pandemie nicht getan.

Ein Anlass zur Hoffnung.

Ja. Und was mir auch Hoffnung macht, ist die Tatsache, dass Industriebereiche wie der Maschinenbau ihre vor der Pandemie noch prall gefüllten Auftragsbücher langsam abgearbeitet haben. Die müssen jetzt alle dringend Akquise betreiben und dafür sind Messen die perfekte Plattform. Und wir freuen uns darauf, wenn bald wieder alle zu uns kommen dürfen!

Ihre Meinung ist gefragt: Haben Sie Fragen oder Anregungen? Dann schreiben Sie uns eine E-Mail an die Redaktion.