Erfolgsstory made in Langenfeld

RheinCell gewinnt Stammzellen aus Nabelschnurblut – und weckt Hoffnungen bei der Bekämpfung der großen Volkskrankheiten.

Text: Ute Rasch, Fotos: Steinbach Fotografie

Die Nachricht klang spektakulär – und sorgte für weltweites Interesse: Die Nabelschnur, lange Zeit wenig beachtet nach der Geburt eines Kindes, ist ein Stoff mit enormem Potenzial. Auf dieser Erkenntnis haben die Gründer der RheinCell Therapeutics GmbH, einem Start-up in Langenfeld mit Wurzeln in der Düsseldorfer Universität, ihr Geschäftsmodell entwickelt.

Ihre Vision: Mit Stammzellen aus Nabelschnurblut die großen Volkskrankheiten – ob Herzinfarkt, Krebs, Parkinson oder Alzheimer – wirkungsvoll bekämpfen. So klingt Zukunft.
Neun Jahre ist es her, dass der Japaner Shinya Yamanaka den Nobelpreis für Medizin für seine Stammzellforschung bekam. Darauf basiert das Verfahren, das bei RheinCell – verfeinert und weiterentwickelt – heute angewendet wird. Das Start-up kooperiert dabei mit der Stammzellbank der Düsseldorfer Universität, von der das Nabelschnurblut stammt. Dessen Stammzellen werden mittlerweile in der Therapie bei Kindern mit Leukämie und angeborenen Immundefekten eingesetzt, ihr Potenzial gilt allerdings als eingeschränkt.

Zellen als wahre Alleskönner

Aber sie können offenbar mehr, viel mehr. „Sie lassen sich in spezielle Stammzellen, so genannte iPSC-Zellen umwandeln, die sich praktisch zu jeder Körperzelle entwickeln können – ob Nerven-, Organ-, Knochen- oder Muskelzellen“, erläutert der Biochemiker Boris Greber, wissenschaftlicher Leiter von RheinCell. Diese Zellen sind deshalb wahre Alleskönner, die in der Lage sind, sich unbegrenzt zu vermehren. „Eine unbegrenzte Ressource.“ Damit werden ihnen ähnliche Fähigkeiten wie embryonalen Stammzellen zugeschrieben, im Gegensatz zu denen seien sie aber ethisch unbedenklich – ein weiterer Vorteil.
In der Reinraumanlage des Unternehmens werden Nabelschnurblutzellen diesem Umwandlungsprozess unterzogen. Die Mitarbeiter müssen zwei Schleusen überwinden, um ihre sterilen Arbeitsplätze zu erreichen. In Inkubatoren wachsen neue Zellen, in Stickstofftanks werden sie gelagert. Diese iPSC-Zellen sind der kostbare Stoff, mit dem Wissenschaftler rund um den Globus zurzeit an klinischen Studien zu verschiedenen Krankheiten arbeiten. Zu den Kunden von RheinCell zählen Forschungseinrichtungen und Biotech-Unternehmen aus Europa, Australien, USA.

Aber auch hierzulande ist das Produkt aus Langenfeld ein begehrtes Material. So wird beispielsweise in Hannover erforscht, ob es möglich ist, nach einem Herzinfarkt das zerstörte Gewebe vollständig zu ersetzen. Ein weiterer Partner ist die Augenklinik in Sulzbach (Saarland). Dort hofft man, dass sich mithilfe der Stammzellen die zerstörte Zellschicht des Auges bei einer Makuladegeneration, die häufig zu Erblindung führt, regenerieren lässt. Zwei Beispiele, die das Spektrum der Möglichkeiten zeigen. „Wir können diese Stammzellen auch als Bio-Reaktor nutzen, um im Körper therapeutische Prozesse anzustoßen“, so Greber.
So viel Potenzial weckt auch andere Begehrlichkeiten: RheinCell, 2017 gegründet, wurde soeben von dem amerikanischen Medizin-Konzern Catalent – unter anderem bekannt durch seine Produktionsstätten für Impfstoffe gegen Covid-19 – übernommen.

„Nach Qiagen wird das jetzt der nächste ganz große Wurf“

Detlev Riesner, Mit-Initiator von RheinCell

„Was für uns den Vorteil bringt, in Zukunft deutlich internationaler zu agieren, weil wir das weltweite Netzwerk des US-Unternehmens nutzen können“, sagt Geschäftsführer Jürgen Weißer. Der Standort in Langenfeld sei gesichert, das Team soll erweitert werden. Ferner hat die Catalent-Geschäftsführung angekündigt, sich künftig stärker in der Zell- und Gentherapie zu engagieren, „dabei gilt RheinCell als Keimzelle für den Auf- und Ausbau aller stammzellbasierten Aktivitäten“, so Weißer.
Die Übernahme gibt dem Start-up die Chance, schneller zu wachsen – so sieht das auch Detlev Riesner, Wissenschaftler, Mit-Initiator und Investor des Langenfelder Unternehmens. Er zählte einst zu den Mitgründern von Qiagen, einem Giganten auf dem Sektor der Biotechnologie. Riesner sagt RheinCell ebenfalls eine blendende Zukunft voraus: „Nach Qiagen wird das jetzt der nächste ganz große Wurf.“

Ihre Meinung ist gefragt: Haben Sie Fragen oder Anregungen? Dann schreiben Sie uns eine E-Mail an die Redaktion.