Text: Klaus Methfessel, Foto: Pixabay

Pro: Roboter statt Billigarbeiter


Die globale Unsicherheit steigt durch die Covid- 19-Pandemie. Die Gefahren für die internationale Arbeitsteilung treten klar hervor. Infolge der steigenden Unsicherheit leiden die globalen Wertschöpfungsketten.
Deshalb ist keine Rückkehr zur Vor-Corona-Normalität zu erwarten, also zur Verlagerung der Produktion in Länder, wo Arbeitskräfte günstig und reichlich vorhanden sind.
Trotz der niedrigeren Kosten lohnt es sich für die Unternehmen in den hochentwickelten Staaten immer weniger, die mit der Produktionsverlagerung verbundenen Risiken einzugehen. Die Ära der Hyperglobalisierung, die 1990 begonnen hat, geht zu Ende.

Prof. Dr. Daila Marin, Foto: TU München


Die Deglobalisierung hatte schon mit der weltweiten Finanzkrise 2008 eingesetzt. 2011 war die Expansion der globalen Wertschöpfungsketten zu Ende gekommen. Seitdem sind sie nicht mehr gewachsen, die Unternehmen in den Industriestaaten konzentrieren sich immer stärker auf die billigsten Arbeitskräfte überhaupt: nämlich Roboter, deren Verwendung heute billiger ist als je zuvor.
Die Rechnung ist einfach: Zwar muss ein Unternehmen einem Arbeiter in Deutschland viel mehr zahlen als beispielsweise in China. Aber ein Roboter fordert überhaupt keinen Lohn, ganz zu schweigen von Sozialleistungen wie Krankenversicherung oder Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.
Der Trend zur Rückverlagerung der Industrie und zur Roboterisierung wird sich auf die Sektoren konzentrieren, die am stärksten von den globalen Wertschöpfungsketten abhängen, in Deutschland also die Auto- und Transportzulieferer, die Elektro- und die Textilindustrie sowie die Chemie. Donald Trump mit seinem Protektionismus und die Covid-19-Pandemie beschleunigen die Rückkehr der Produktion ins eigene Land. Deutschland und andere Industrieländer stehen vor einer Renaissance der Industrie.

Dr. Dalia Marin ist Professor für Internationale Wirtschaft an der Technischen Universität (TU) München.  

Contra: Diversifizierung der Lieferketten

Angesichts der Corona-Krise werden sicherlich einige Unternehmen ihre Entscheidungen über den Bezug von Vorprodukten im Ausland und ihre Beteiligung an internationalen Wertschöpfungsketten überprüfen und die damit verbundenen Risiken neu bewerten. Das heißt aber nicht, dass die Vorteile der Globalisierung nun auf einmal durch das Corona-Virus obsolet werden. Die Globalisierung hat erheblich zu unserem Wohlstand in Deutschland beigetragen. Die Chance, günstiger Produkte im Ausland zu beziehen und ausländische Märkte zu bedienen, hat unseren Unternehmen Spezialisierungsvorteile ermöglicht und so ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit gestärkt.

Prof. Dr. Galina Kolev, Foto: Institut der deutschen Wirtschaft

Outsourcing und Offshoring, schlanke Produktlinien verbunden mit geringen Lagerbeständen haben die Unternehmen jedoch anfällig für Unterbrechungen in den Lieferketten gemacht und zu Versorgungsengpässen geführt. Die Unternehmen werden in Zukunft solche negativen Externalitäten in ihre Entscheidungen einbeziehen müssen, etwa durch eine stärkere Diversifizierung der Bezugsquellen. Eine staatliche Regulierung des Marktgeschehens sollte es aber nur da geben, wo die Grundversorgung der Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln oder Medizinprodukten existenziell betroffen sein könnte.
Jedoch darf das nicht so weit gehen, dass wir unter dem Eindruck dieser Epidemie die Vorteile der internationalen Arbeitsteilung aufs Spiel setzen. Wir neigen ja in Krisenzeiten dazu, die Situation etwas anders zu bewerten als in normalen Zeiten. Aber es bleibt die Zuversicht, dass auch diese Pandemie ein Ende finden und nach der Krise eine Erholung einsetzen wird. Da ist es umso wichtiger, dass jetzt nicht etwa durch protektionistische Maßnahmen der Prozess der Globalisierung und der Multilateralismus ausgebremst werden. Das würde zu zusätzlichen Produktivitätseinbußen führen und die wirtschaftliche Erholung erheblich erschweren.

Professor Dr. Galina Kolev leitet die Forschungsgruppe Gesamtwirtschaftliche Analysen und Konjunktur des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW).

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