Die EU will die Entwaldung bei globalen Lieferketten verhindern. Das Ziel findet Rückhalt. Die Umsetzung bringt jedoch viele Unternehmen an ihre Grenzen. Eine aktuelle Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag der IHK Düsseldorf zeigt, wo die Verordnung in der Praxis hakt und brachte diese Ergebnisse in die aktuelle Debatte in Brüssel ein.
Autorin: Dr. Susan Tuchel; Stand 04/2026
Die EU-Verordnung über entwaldungsfreie Lieferketten, kurz EUDR (EU Deforestation Regulation), soll sicherstellen, dass Kaffee, Kakao, Holz, Soja, Ölpalme, Rinder oder Naturkautschuk nur dann auf den europäischen Markt gelangen, wenn sie nicht mit Entwaldung oder Waldschädigung in Verbindung stehen. Nach der jüngsten Verkündung gilt sie für mittlere und große Unternehmen ab dem 30. Dezember 2026, für kleine und Kleinstunternehmen ab dem 30. Juni 2027. Zugleich ist die Debatte noch offen: Die EU-Kommission muss bis zum 30. April 2026 prüfen, wie die geplanten Maßnahmen wirken, welche Belastungen fortbestehen und ob weitere Vereinfachungen oder sogar ein neuer Gesetzesvorschlag nötig sind.
Studie liefert Argumente für die politische Nachjustierung
Genau deshalb kam die Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft im Auftrag der IHK Düsseldorf politisch zum bestmöglichen Zeitpunkt. „Die Studie liefert nicht nur eine Bestandsaufnahme, sondern kann EU-Abgeordneten Argumente für die laufende Nachjustierung der Verordnung liefern“, erklärt Dr. Elke Stoffmehl, Referentin Internationales Wirtschaftsrecht der IHK Düsseldorf.
Eine Nachbesserung, so Dr. Stoffmehl, sei dringend geboten, denn drei von vier Unternehmen sehen erhebliche Schwierigkeiten bei der praktischen Umsetzung der EUDR. Fast zwei Drittel beziffern den personellen Aufwand für die Umsetzung auf bis zu zwei Vollzeitstellen. Und 94,5 Prozent bewerten die Relation von Aufwand und unternehmerischem Nutzen insgesamt negativ, auch wenn die Ziele selbst positiv bewertet werden. „METRO steht hinter den Zielen der EUDR. Es braucht jedoch praxistaugliche Nachbesserungen der EUDR – insbesondere realistische Datenanforderungen, klare Auslegungshilfen und funktionierende digitale Standards. Andernfalls laufen wir Gefahr, Wettbewerbsfähigkeit und Versorgungssicherheit in Europa zu unterlaufen“, sagt Ivonne Julitta Bollow, Senior Vice President Corporate Communication, Public Policy & Responsibility, METRO AG.
Geodaten als Nadelöhr der Umsetzung
Der entscheidende Engpass der Verordnung sind die Geolokalisierungsdaten. „Sie sind das eigentliche Einfallstor, weil an ihnen hängt, ob der Nachweis der Entwaldungsfreiheit überhaupt geführt werden kann“, so Dr. Stoffmehl. In der Sorgfaltserklärung müssen Unternehmen das Erzeugerland und die Geolokalisierung aller Grundstücke angeben, auf denen die relevanten Produkte erzeugt wurden. Genau hier zeigt die Studie die Schwachstelle: Nur rund 17 Prozent der KMU verfügen überhaupt über Geolokalisierungsdaten der Produktionsflächen. Bei den Postadressen der Lieferanten sind es sogar nur 16 Prozent. Bei großen Unternehmen liegen die Werte mit 29 beziehungsweise 25 Prozent zwar höher, aber ebenfalls weit entfernt von einer flächendeckenden Verfügbarkeit.
Für Dr. Sarah Lichtenthäler vom Institut der deutschen Wirtschaft zeigt die Studie, dass die Unternehmen entwaldungsfreie Lieferketten befürworten, in der Praxis aber an erhebliche Grenzen stoßen: „Entscheidend ist jetzt, die Vorgaben der EUDR so auszugestalten, dass sie rechtssicher, praktikabel und mit bestehenden Regelwerken verzahnt sind – nur dann kann Nachhaltigkeit wirksam und wirtschaftlich tragfähig umgesetzt werden.“
Niklas Köllner, Geschäftsführer der Wenko-Wenselaar GmbH & Co. KG, weist darauf hin, dass die Unternehmen auf Informationen aus den Ursprungsländern angewiesen sind, auf deren Bereitstellung sie nur begrenzten Einfluss haben und kritisiert die fehlende Berücksichtigung globaler Handelsströme: „Während europäische Unternehmen mit erheblichen bürokratischen Anforderungen belastet werden, gelangen täglich tausende Kleinstsendungen – insbesondere aus asiatischen Onlineplattformen – weitgehend unkontrolliert nach Deutschland und in die EU“.
Für einen Wirtschaftsstandort wie Düsseldorf ist das alles andere als ein Spezialthema. Die betroffenen Branchen reichen von Lebensmitteln und Süßwaren über Holz, Papier und Verpackung bis zu Chemie, Kosmetik, Haushaltswaren und technischen Zulieferern. Die Studie ist deshalb so wichtig, weil sie die Debatte vom guten Prinzip auf die schwierige Praxis herunterholt. Sie zeigt nicht, dass Unternehmen das Ziel ablehnen. Sie zeigt, wo die Verordnung derzeit ins Stolpern gerät: bei Daten, Zuständigkeiten, IT-Schnittstellen und der Frage, wie Regulierung so gebaut sein muss, dass sie ökologische Wirkung erzielen kann, ohne die ökonomische Machbarkeit aus dem Blick zu verlieren.
Die Studie zum Download finden Sie hier.
Hier lesen, wie stark Unternehmen von der EUDR betroffen sind – und wo es bei der Umsetzung hakt.

