Ob Bauschaden, Maschinenbewertung oder Streitfall: Unternehmen sind immer wieder auf unabhängige Expertise angewiesen. Doch Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und Fachkräftemangel verändern auch das Sachverständigenwesen. Beim ersten Sachverständigentag NRW in Essen diskutierten mehr als 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer darüber, wie Qualität und Vertrauen auch in Zukunft gesichert werden können.
IHK-Redaktion; © Eugen Shkolnikov; Stand 09/2026
Ein Schaden an einer Produktionsanlage, Unstimmigkeiten bei einem Bauprojekt oder die Frage nach dem Wert einer Immobilie: Für Unternehmen können solche Situationen schnell erhebliche wirtschaftliche Folgen haben. Wenn eine unabhängige fachliche Bewertung gefragt ist, kommen Sachverständige ins Spiel.
Öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige verfügen über nachgewiesene besondere Sachkunde und arbeiten unabhängig und unparteiisch. Sie unterstützen Gerichte bei komplexen Fragestellungen und helfen Unternehmen, Sachverhalte einzuordnen, Risiken zu bewerten und Konflikte zu klären.
Wie wichtig diese Expertise ist – und wie sie sich angesichts neuer Technologien verändert, stand im Mittelpunkt des ersten Sachverständigentags von IHK NRW in Essen. Mehr als 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Sachverständigenwesen, Justiz, Wirtschaft und IHKs kamen zur Premiere zusammen.
NRW-Justizminister Dr. Benjamin Limbach unterstrich zum Auftakt die Bedeutung der Sachverständigen für die Justiz. Ihre Unabhängigkeit, Zuverlässigkeit und besondere Sachkunde seien wichtige Grundlagen für Vertrauen, Akzeptanz und Rechtssicherheit. Auch für einen zunehmend digitalen Zivilprozess bleibe die Qualität sachverständiger Arbeit unverzichtbar.


Was bedeutet Qualität im Zeitalter von KI?
Eine der zentralen Zukunftsfragen griff der Paneltalk „Hohe Qualität im Sachverständigenwesen – Wie gelingt sie auch in Zukunft?“ auf. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie sich hohe fachliche Standards unter veränderten Rahmenbedingungen sichern lassen. Denn digitale Anwendungen und Künstliche Intelligenz können Daten auswerten, Prozesse beschleunigen und Sachverständige bei ihrer Arbeit unterstützen.
Doch wo kann KI sinnvoll helfen – und wo braucht es weiterhin menschliche Erfahrung und Urteilsvermögen? Wie lässt sich gewährleisten, dass Gutachten nachvollziehbar, unabhängig und belastbar bleiben? Die Diskussion machte deutlich: Technologie kann Expertise unterstützen, ersetzt aber nicht die persönliche Verantwortung für eine fachlich fundierte Bewertung. Sachkunde, Unabhängigkeit und Verantwortungsbewusstsein bleiben entscheidend – gleichzeitig müssen Qualitätsstandards mit den technologischen Möglichkeiten Schritt halten.
Für Unternehmen ist das unmittelbar relevant. Wenn Gutachten zur Grundlage für Entscheidungen über Schäden, Werte oder technische Sachverhalte werden, müssen die Ergebnisse belastbar sein. Qualität im Sachverständigenwesen ist damit auch ein Faktor für Planungssicherheit und eine möglichst schnelle Klärung von Konflikten.

Standards sichern
IHKs prüfen die besondere fachliche Qualifikation und persönliche Eignung der Sachverständigen und bestellen und vereidigen sie öffentlich. Damit schaffen sie Orientierung für Unternehmen, Gerichte und Privatpersonen, die unabhängige Expertise benötigen.
Wie gefragt dieser Sachverstand ist, zeigen die Zahlen: 2025 benannten die Industrie- und Handelskammern in Nordrhein-Westfalen insgesamt 5.694 Sachverständige gegenüber Gerichten. Aktuell sind rund 1.350 Sachverständige öffentlich bestellt und vereidigt. Ihre Fachgebiete reichen vom Bauwesen über Kfz und Immobilienbewertung bis zu spezialisierten Bereichen wie Akustik, Werkstoffen oder Windenergieanlagen.
Experten aus der Praxis gesucht
Eine weitere Zukunftsfrage ist der Nachwuchs. Gerade für Fach- und Führungskräfte mit langjähriger Praxiserfahrung kann sie eine interessante Perspektive sein, um ihre Expertise in einem verantwortungsvollen Tätigkeitsfeld einzubringen.
Die Premiere in Essen hat gezeigt: Die Zukunft des Sachverständigenwesens betrifft nicht nur Gutachter und Gerichte. Es geht auch darum, wie Unternehmen in einer zunehmend komplexen und digitalen Wirtschaft auf unabhängigen Sachverstand und verlässliche Bewertungen zurückgreifen können.
Der Sachverständigentag NRW soll deshalb den Auftakt für einen regelmäßigen Dialog zwischen Sachverständigen, Justiz, Wirtschaft und IHKs bilden. Denn gerade dort, wo Entscheidungen komplex und ihre wirtschaftlichen Folgen groß sind, bleibt eines besonders wertvoll: Sachverstand, auf den man sich verlassen kann.
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