Beton ist einer der unscheinbaren Klimatreiber unserer Zeit. Kaum ein Baustoff wird weltweit so viel verwendet – und kaum einer verursacht so hohe CO₂-Emissionen. In einer Industriehalle in Erkrath arbeitet Co-reactive daran, das zu ändern. Mit der feierlichen Eröffnung einer neu erbauten Demonstrationsanlage geht das Start-up nun den nächsten Schritt: Die Technologie verlässt das Labor und wird erstmals im industriellen Maßstab eingesetzt.
Als meistverwendeter Baustoff weltweit trägt er erheblich zu den globalen CO₂‑Emissionen bei – hauptsächlich verursacht durch den darin eingesetzten Zement. Als meistverwendeter Baustoff weltweit trägt er erheblich zu den globalen CO₂‑Emissionen bei – hauptsächlich verursacht durch den darin eingesetzten Zement.
Autorin: Simone Fischer; © Co-reactive; Stand 04/2026
Klimafreundliche Baustoffe aus NRW: Wie Co-reactive CO₂ in Beton bindet
Beton ist allgegenwärtig und zugleich einer der größten Klimatreiber der Industrie. Rund acht Prozent der weltweiten CO₂-Emissionen entstehen bei der Herstellung von Zement. Co-reactive will das ändern. Das Hightech-Start-up hat dafür eine Technologie entwickelt, die Kohlendioxid nicht nur vermeidet, sondern aktiv in Baustoffe einbindet und dafür einen Reaktor gebaut.
Am 27. April lud Co-reactive zur Eröffnung seiner neu errichteten Demonstrationsanlage ein und die Faszination der Besuchenden war gewaltig. Denn was hier wirkt wie eine hiesige Demonstrationsanlage in einem wissenschaftlichen Technikum, ist tatsächlich eine funktionsfähige Anlage, die in den nächsten Wochen in den Betrieb gehen soll. In der Anlage werden mineralische Rohstoffe wie metallurgische Schlacken oder Olivin fein vermahlen und mit Wasser zu einer fließfähigen Suspension vermischt. Diese Suspension strömt kontinuierlich durch einen Rohrreaktor, in den flüssiges CO₂ gezielt eingedüst wird, sodass das CO₂ effizient mit den Mineralien reagiert und dauerhaft gebunden wird. Im Gegensatz zu herkömmlichen Laborverfahren ist der gesamte Prozess vollständig automatisiert und für den industriellen Dauerbetrieb ausgelegt.



Innovation in der Bauindustrie: CO₂-Reduktion durch neue Zementtechnologie
„Klimaschutztechnologie ist eben keine Bremse. Sie kann der Turbo sein“, betonte NRW-Wirtschafts- und Klimaschutzministerin Mona Neubaur in ihrer Rede. Es sei nichts Neues für Nordrhein-Westfalen, dass innovative Lösungen aus der Industrie heraus entstehen. Dass Co-reactive hier eine revolutionäre Technologie an den Markt bringt, die CO₂ aktiv im Baustoff bindet, unterstreiche die Innovationskraft unseres Standorts, so Neubaur weiter. „Es sind solche Lösungen, die entscheidend für die Transformation energieintensiver Branchen sein werden, wie hier in der Bauindustrie. So sichern wir Wettbewerbsfähigkeit, schaffen zukunftsfähige und sichere Arbeitsplätze“, hob sie hervor.
Gegründet wurde Co-reactive im Jahr 2024 als Spin-off der RWTH Aachen von einem interdisziplinären Team um Andreas Bremen, Orlando Kleineberg und Willi Peter. Die Idee: CO₂, das bislang als Abfallprodukt der Industrie gilt, wird in einem kontinuierlichen Prozess als Mineral gebunden. Dabei werden Rohmaterialien wie industrielle Schlacken und natürliche Mineralien aktiviert und als reaktive Bestandteile für zementäre Systeme nutzbar gemacht. Dadurch entstehen sogenannte „Supplementary Cementitious Materials“, Zusatzstoffe für Zement, die dessen CO₂-Bilanz deutlich verbessern.
„Klimaschutztechnologie ist eben keine Bremse. Sie kann der Turbo sein“
Mona Neubaur
Start-up aus NRW: Co-reactive entwickelt nachhaltige Lösungen für die Bauwirtschaft
Der Clou: „Die Materialien sind nicht nur klimafreundlicher, sondern verbessern auch Eigenschaften wie Festigkeit und Haltbarkeit. Gleichzeitig lässt sich die Technologie in bestehende Produktionsprozesse integrieren. Das ist ein entscheidender Vorteil für eine Branche, die unter hohem Transformationsdruck steht“, sagt Mitgründer Andreas Bremen, denn die Bauindustrie steht vor gleich mehreren Problemen. Zum einen verursacht die Zementproduktion enorme Emissionen, zum anderen werden klassische Ersatzstoffe wie Flugasche aus der Kohleindustrie oder Hüttensand aus der Stahlproduktion durch die Industrietransformation zunehmend knapp. Gleichzeitig steigen die Kosten – auch durch CO₂-Bepreisung.
Umso wichtiger war es dem Team, eine Lösung zu finden, die Emissionen reduziert und gleichzeitig neue Rohstoffquellen erschließt. „Forschung und Finanzierung sind die Grundlage. Aber Veränderung entsteht erst durch unternehmerisches Handeln“, sagt Bremen. „Unser Ziel ist es, die CO₂-Mineralisierung aus dem Labor in den industriellen Dauerbetrieb zu bringen“, sagt der promovierte Maschinenbauingenieur.
Mit einer Seed-Finanzierung in Höhe von 6,5 Millionen Euro treibt das Unternehmen nun die nächsten Entwicklungsschritte voran. Die Runde wird vom High-Tech Gründerfonds angeführt, weitere Investoren sind unter anderem die NRW.Bank sowie mehrere internationale Venture-Capital-Geber.

Zukunft der Bauindustrie: Skalierung, Investitionen und CO₂-Mineralisierung im industriellen Einsatz
Geplant ist zunächst die Inbetriebnahme der Anlage mit einer Kapazität von rund 1.000 Tonnen pro Jahr. Parallel arbeitet das Unternehmen bereits an industriellen Pilotanlagen im deutlich größeren Maßstab. Konkret geht es um einen Reaktor, der, so Bremen, in der zweiten Jahreshälfte 2027 ebenfalls in der Region an den Start gehen soll und dann rund 10 000 Tonnen produzieren kann. Die Finanzierung hierfür sei bereits gesichert. Ziel ist es, die Technologie direkt an Standorten der Zement- und Stahlindustrie einzusetzen und dort CO₂-Ströme vor Ort zu nutzen.
Den Standort in Erkrath hat das Team bewusst gewählt. Andreas Bremen ist Düsseldorfer und kennt die Region. Nordrhein-Westfalen gehört zu den industriellen Kernregionen Europas und steht gleichzeitig vor der Aufgabe, seine Produktion klimaneutral zu gestalten. Aktuell beschäftigt das Unternehmen 13 Mitarbeitende und sechs Werkstudenten und strebt bis zum Jahresende eine Vollzeitbeschäftigung von 20 Mitarbeitenden an.
Co-reactive zeigt beispielhaft, wie Innovation aus der Region heraus entstehen kann: interdisziplinär, technologiegetrieben und mit einem klaren Fokus auf industrielle Anwendung. „Wir liefern den Nachweis, dass Transformation möglich ist mit Anlagen, die effizient innovative Baustoffe produzieren können“, sagt Bremen. Die Idee, CO₂ nicht nur zu vermeiden, sondern als Rohstoff zu nutzen, steht sinnbildlich für einen grundlegenden Wandel in der Industrie. Was bislang als Emission galt, wird zum Bestandteil neuer Wertschöpfungsketten.
Für Co-reactive ist das mehr als ein technologischer Ansatz. Es ist ein Geschäftsmodell und zugleich ein Beitrag zur Transformation einer ganzen Branche.

