Shuttlebusse ohne Fahrer hinter dem Lenkrad. Baustoffe, die CO₂ dauerhaft speichern. Lichtfasern, die Textilien zum Leuchten bringen. Vieles von dem, was nach Zukunft klingt, kommt längst nicht mehr nur aus Forschungslaboren oder Tech-Konzernen im Silicon Valley. Neue Technologien entstehen in mittelständischen Unternehmen, Entwicklungsabteilungen und Start-ups zwischen Düsseldorf und dem Kreis Mettmann. Dort werden Lösungen gegen Fachkräftemangel entwickelt, klimafreundliche Baustoffe produziert oder intelligente Lichtsysteme vorangetrieben. Gemeinsam ist den Unternehmen der Mut, bestehende Prozesse zu hinterfragen und technologische Entwicklungen schneller nutzbar zu machen – für mehr Effizienz und einen konkreten Mehrwert für Menschen und Unternehmen.
Autorin: Simone Fischer; © IHK Düsseldorf/ Felix Gemein; Co-Reactive; Mentor GmbH; Stand: 06/2026
Mobilität neu denken
Was zunächst wie eine Szene aus einem Science-Fiction-Film wirkt, wird in Düsseldorf bald Realität sein: Shuttlebusse bewegen sich in einer Testphase durch den Straßenverkehr, während die Fahrer nicht mehr in der Fahrerkabine sitzen, sondern in einem Leitstand vor Bildschirmen und Steuerungssystemen. Entwickelt und vermarktet wird diese Technologie von der MIRA GmbH, einem 2022 gegründeten Corporate Startup von Rheinmetall, das sich auf Teleoperation spezialisiert hat, das heißt auf das sichere Steuern von Fahrzeugen aus der Ferne. Dabei bündelt das Unternehmen konzernweit vorhandene Technologien, die ursprünglich auch in anderen sicherheitsrelevanten Bereichen eingesetzt werden, und entwickelt daraus Lösungen für zivile Mobilitätsanwendungen.
Mit der Rheinbahn AG arbeitet MIRA aktuell daran, teleoperierte Mobilitätslösungen unter realen Bedingungen weiterzuentwickeln. Die Ausbildung der Fahrerinnen und Fahrer läuft bereits seit April mit dem Ziel, Mobilität langfristig aufrechterhalten zu können. Denn Verkehrsunternehmen, Logistik und kritische Infrastruktur geraten zunehmend unter Druck. Der Fachkräftemangel ist angekommen.
„Die Ressource Mensch ist unser höchstes Gut“, sagt Geschäftsführer Win Neidlinger. Er versteht die Technologie als Werkzeug, das neue Möglichkeiten eröffnet – nicht als Konkurrenz zum Menschen. Fahrer könnten künftig mehrere Fahrzeuge betreuen oder in Situationen eingreifen, in denen automatisierte Systeme an ihre Grenzen stoßen. Besonders bei langen Standzeiten oder ineffizienten Abläufen ließen sich Prozesse deutlich verbessern.
Die Innovation liegt weniger in der einzelnen Technologie als im Zusammenspiel unterschiedlicher Systeme und Prozesse. MIRA versteht sich als Plattformanbieter für zukünftige Mobilität. Fahrzeuge werden mit einer speziellen Technologieeinheit ausgestattet und über 4G- oder 5G-Mobilfunk mit einem Leitstand verbunden. Dort steuern Teleoperatoren die Fahrzeuge mithilfe hochauflösender Kamerabilder in real-time.
Für Neidlinger entscheidet sich der Erfolg solcher Projekte jedoch nicht allein an der technologischen Machbarkeit. „Wichtig ist die interne Akzeptanz“, sagt er. Deshalb sei es entscheidend, Anwender frühzeitig einzubinden und Berührungsängste gegenüber neuen Technologien abzubauen. Teleoperierte Mobilität entwickelt sich bereits heute zu einem Bestandteil moderner Mobilitäts- und Infrastrukturlösungen. Neben dem öffentlichen Nahverkehr arbeitet die Rheinmetall-Tochter auch an Anwendungen für Logistik, Landwirtschaft, Flughafenbetrieb oder Schienenverkehr. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Technologie Menschen entlasten und bestehende Infrastruktur effizienter machen kann.
Technologischer Fortschritt bedeute für Unternehmen immer auch kulturellen Wandel. „Innovation muss Teil einer Unternehmens-DNA sein“, betont Neidlinger. Es gehe vor allem darum, bestehende Technologien neu zu verknüpfen und konsequent aus Kundensicht weiterzuentwickeln. Kreativität sei kein Selbstzweck, sondern ein strategischer Bestandteil der Unternehmensentwicklung.
Wenn CO2 zum Rohstoff wird
Während MIRA an der Mobilität von morgen arbeitet, beschäftigt sich das Startup Co-reactive mit einer der größten Herausforderungen der Industrie: dem Klimaschutz. Konkret mit der Frage, wie sich CO₂ vermeiden und gleichzeitig sinnvoll nutzen lässt. Die Idee dahinter klingt zunächst paradox. Kohlendioxid gilt bislang in erster Linie als Emission, die reduziert werden muss. Co-reactive denkt das Problem anders und macht CO₂ selbst zum Rohstoff. Das Unternehmen entwickelt Materialien, die Kohlendioxid dauerhaft in Baustoffen binden und damit einen Beitrag zur Dekarbonisierung der Bauindustrie leisten sollen.
Beton gehört zu den größten Klimaproblemen der Industrie. Rund acht Prozent der weltweiten CO₂-Emissionen entstehen durch die Zementproduktion. Hier setzt die Technologie des jungen Unternehmens an, das sich erst 2024 als Spin-off der RWTH Aachen gegründet hat. Aus universitärer Forschung soll nun industrielle Anwendung werden. „Unser Ziel ist es, die CO₂-Mineralisierung aus dem Labor in den industriellen Maßstab zu bringen“, sagt Mitgründer Andreas Bremen. Bereits heute verfügt das Unternehmen über eine Demonstrationsanlage in Erkrath, die jährlich rund 1.000 Tonnen klimafreundlicher Baustoffe produzieren soll. Innovation zeigt sich hier nicht nur in der Technologie selbst. Die drei Gründer verfolgen mehr als eine reine Klimaschutzidee. Ihr Ansatz zielt auf ein wirtschaftlich tragfähiges Geschäftsmodell. Die Materialien sollen Emissionen reduzieren, die Eigenschaften von Beton verbessern und sich in bestehende Produktionsprozesse integrieren lassen.
Damit reagiert das Unternehmen auf einen grundlegenden Wandel der Industrie. Nachhaltigkeit wird zum Wettbewerbsfaktor. Parallel dazu entstehen neue Märkte für Technologien, die Klimaschutz und Wirtschaftlichkeit verbinden. Das junge Startup zeigt exemplarisch, wie Innovation aus Wissenschaft, Unternehmertum und regionaler Vernetzung entstehen kann. Aus einem Klimaproblem wird ein neuer Wertstoffkreislauf. Was bislang als Emission galt, wird Teil neuer industrieller Anwendungen.
Erfolgreiche Innovation aus der Nische
Einen anderen Zugang zur Innovation verfolgt die Mentor GmbH in Erkrath. Das Familienunternehmen arbeitet bereits in dritter Generation erfolgreich daran, Licht neu zu denken – als funktionalen Bestandteil von Design, Atmosphäre und Nutzererlebnis. Rund 250 Mitarbeitende beschäftigt Mentor am Standort Erkrath, etwa 60 davon in Forschung und Entwicklung.
Für Geschäftsführer Wido Weyer liegt die Stärke des Unternehmens in seiner Spezialisierung. „Wir bewegen uns in einem homogenen Massenmarkt, deshalb müssen wir uns eine Nische suchen“, sagt er. Gerade darin liege die Chance mittelständischer Unternehmen: flexibel zu bleiben und individuelle Lösungen zu entwickeln. Gemeinsam mit seinem Sohn Dennis Weyer, der bereits Mitgeschäftsführer ist und das Unternehmen künftig weiterführen wird, arbeitet Mentor daran, technologische Entwicklung und langfristiges Unternehmertum miteinander zu verbinden.
Diese Innovationsstrategie zeigt sich besonders beim sogenannten M-Fibre und beleuchtbaren Textilien. Dazu werden Lichtfasern in Materialien eingewebt und mit intelligenten Lichtsystemen kombiniert. Licht wird Teil einer emotionaleren und funktionaleren Produktgestaltung. „Produkte müssen heute immer mehr Funktionen einbeziehen und dabei auch Emotionen transportieren“, sagt Weyer. Design sei längst zu einem zentralen Wettbewerbsfaktor geworden. Unternehmen müssten heute technische Lösungen entwickeln und zugleich neue Erlebniswelten schaffen.
Die Anwendungen reichen von beleuchteten Fahrzeugtüren im Automobilbereich bis hin zu Lichtlösungen für industrielle Arbeitsplätze oder medizinische Anwendungen. Große Umbrüche entstehen hier selten über Nacht. Innovation entwickelt sich Schritt für Schritt durch kontinuierliche Weiterentwicklung und die intelligente Verbindung bestehender Kompetenzen. Auf dieser konstruktiven Kombination basiert auch der Erfolg der Mentor GmbH. Während Konzerne häufig lange Entscheidungswege hätten, könne der Mittelstand schneller reagieren und neue Ideen direkt mit Kunden weiterentwickeln. „Unser Anspruch ist nicht das kurzfristige Geschäft, sondern eine nachhaltige Zusammenarbeit“, betont er.
Auch technologisch denkt das Unternehmen bereits weiter. Das Thema Tageslichtsimulation werde immer wichtiger, weiß Weyer. Damit wachsen auch die Anforderungen an Wärmemanagement und Energieeffizienz moderner LED-Systeme. Die Verbindung aus langjähriger Erfahrung und technologischer Weiterentwicklung soll auch künftig neue Anwendungen möglich machen.
Beispiele wie diese zeigen, Innovation braucht Offenheit, Mut und die Bereitschaft, bestehende Wege infrage zu stellen. Vor allem aber beginnt sie dort, wo Unternehmen konkrete Herausforderungen annehmen und technologische Möglichkeiten in den Alltag übersetzen. So entstehen Lösungen, die Busverkehr trotz Fahrermangel ermöglichen, CO₂ dauerhaft binden oder Produkte neu erlebbar machen. Zukunft bleibt damit keine abstrakte Vision. Sichtbar wird sie dort, wo Ideen unternehmerisch weitergedacht und in die Praxis transferiert werden. Der Blick in die Region macht deutlich: Viele Unternehmen sind bereits auf dem richtigen Weg.
Titelthema vertiefen: Einer der drei Schwerpunktartikel aus dem aktuellen IHK-Magazin 2/2026 zum Thema „Innovation und Technologie“

