Von Ute Rasch, Fotos Andreas Wiese

Sie begibt sich in die Niederungen des Lebens. Wo es dunkel ist und stinkt. Man könnte auch sagen, sie macht aus Sch… Geld. Aber um das zu können, braucht man Knowhow, Erfindergeist, kompetente Partner, eine Menge Leidenschaft – und möglichst ein Patent, damit einem andere die gute Idee nicht wegschnappen. Elisabeth Schloten hat das alles, und deshalb gründete sie Ende November 2018 die Kanal-Netz GmbH. Riecht nach einer ziemlich guten Business-Idee.

Potenzielle Kunden? Alle Kommunen

Eins greift ins andere: Elisabeth Schloten hat nach ihrem Betriebswirtschafsstudium und nachdem sie Programmieren gelernt hatte, ziemlich schnell Karriere gemacht, erst in einer Unternehmensberatung, später bei Konzernen wie Procter & Gamble und Vodafone. Dann wagte sie den Schritt in die Selbständigkeit und gründete die ECBM GmbH, um dem Mittelstand den Schritt in die digitale Zukunft zu erleichtern. Einer ihrer Kunden war der Wirtschaftsbetrieb Hagen, der zu diesem Zeitpunkt noch seine Verwaltung auf Papier abwickelte, mit Kellerräumen voller Aktenschränke. Das galt auch für das Abwasser-Kanalnetz, ein unterirdisches Labyrinth – und ein immenser Kostenfaktor. „Denn Abwasserkanäle werden turnusmäßig gewartet und gespült, um sie von Ablagerungen zu befreien und Verstopfungen zu vermeiden“, so Elisabeth Schloten. Allerdings habe eine Studie des Instituts für unterirdische Infrastruktur bewiesen, dass 88 Prozent dieser Reinigungsaktionen viel häufiger als notwendig erfolgen, „das kostet nicht nur viel Geld, sondern verschwendet auch eine Menge Wasser, mit dem die Kanäle unter hohem Druck gereinigt werden“. Jährlich 430 Millionen Euro würden bundesweit dadurch verschwendet. Diese Erkenntnis inspirierte Elisabeth Schloten (und ihren Miterfinder Roland Kapust vom Wirtschaftsbetrieb Hagen) zu einer Business-Idee, die mittlerweile zur Gründung gereift ist: Kanal-Netz. Dazu haben sie eine Software entwickelt, mit der sich die Wahrscheinlichkeit von Ablagerungen im Kanalsystem errechnen lässt. Dieser Algorithmus berücksichtigt Faktoren wie Material, Gefälle und Form des Kanals sowie bereits vorhandene Schäden.

„Wir benötigen ein bis zwei Millionen Euro, um jetzt schnell zu wachsen.“

Elisabeth Schloten, Kanalnetz GmbH

„Wenn alles darauf hindeutet, dass der Abwasserkanal tatsächlich regelmäßig gereinigt werden muss, arbeiten wir in einem zweiten Schritt mit selbst entwickelten Sensoren, die wir in einem bestimmten Kanal-Teilstück einsetzen“, erläutert Elisabeth Schloten. Wird die Notwendigkeit einer Reinigung bestätigt, wird automatisch ein Spülauftrag in Gang gesetzt. Klingt einfach, ist in Wahrheit ein ausgeklügeltes, kompliziertes System. Der Prototyp wird nun in Hagen, der Modellstadt von Kanal-Netz, zu einem unterirdischen Auftrag eingesetzt. Die Verwaltung war vom Nutzen des Systems schnell überzeugt, vor allem wegen der Kostenersparnis; denn ein Spezialfahrzeug, das die Kanäle unter Hochdruck reinigt, kostet rund 500.000 Euro plus Personalkosten. Das soll in Zukunft viel seltener zum Einsatz kommen. Die Gründer sind nun an einem Punkt, an dem sie zweierlei dringend brauchen: Personal (vor allem Software- und Projektentwickler) und Investoren. „Wir benötigen ein bis zwei Millionen Euro, um jetzt schnell zu wachsen.“ Wo sieht Schloten ihre Firma in fünf Jahren? „Dann wollen wir mindestens ein Drittel aller größeren deutschen Städte mit unserer Technik ausgestattet haben – Industriebetriebe und Chemieparks ebenso, die die gleichen Probleme mit ihrem Abwasser haben.“ Dem Wachstum sind kaum Grenzen gesetzt: Deutschland verfügt über ein öffentliches Abwassernetz von insgesamt 587.000 Kilometern. (www.kanal-netz.de)

Eltern Vernetzt mit Hebammen

Das Leben inspiriert gelegentlich zu den besten Businesskonzepten. Diese Geschäftsidee wurde geboren, kurz nachdem Freunde von Michael und Sandra Hebel Eltern von Zwillingen geworden waren. Eines der beiden Mädchen hatte Wachstumsprobleme, nahm nicht genug an Gewicht zu. Die Eltern waren verunsichert. Als ihnen klar wurde, dass es vermutlich vielen Paaren so erging, gründeten die vier vor fast zwei Jahren ein Unternehmen, dessen Angebotspalette stetig wächst – ähnlich wie ihre jungen Nutzer. Einen Namen hat das Kind auch: Emiltonia. Am Anfang war ein Produkt: Eine Baby-Hängewaage, wie Hebammen sie gern benutzen, die in einigen Monaten von einem digitalen Modell abgelöst werden soll. Außerdem ist soeben eine digitale Waage auf den Markt gekommen, in der das Kind in einer Kunststoffschale liegt und aufs Gramm genau gewogen wird. Das sei wichtig, wenn man beispielsweise wissen wolle, wie viel das Neugeborene beim Stillen zugenommen hat. Die Vorteile beider Methoden: Das Gewicht wird mit Größe, Körpertemperatur (Fieber) und Datum gespeichert, so dass sich jederzeit die Entwicklung des Babys überprüfen lässt, was zudem einen Vergleich mit den Statistiken der Weltgesundheitsorganisation ermöglicht. „Da können Eltern dann ablesen, ob ihr Kind unterhalb oder oberhalb des durchschnittlichen Gewichts liegt und was diese Zahlen eigentlich bedeuten“, so Michael Hebel, Geschäftsführer von Emiltonia.

Mit der App von Emiltonia lässt sich die Entwicklung eines Babys genauestens verfolgen.

Kinderärzte kennen das Phänomen aus ihrer alltäglichen Praxis: Junge Eltern reagieren heutzutage oft überängstlich und fühlen sich alleingelassen. Das mag auch daran liegen, dass sie oft weit entfernt von ihren Familien leben, dadurch fehlt ihnen der Rat älterer, erfahrener Verwandter. „Wir haben uns gefragt, wie wir solche Probleme lösen können“, so Michael Hebel. Also nahm das Emiltonia- Team zunächst Kontakt zu Hebammenzirkeln auf – mit dem Ziel, ratsuchende Eltern und professionelle Geburtshelferinnen digital zu vernetzen: eine smarte Lösung für Familienprobleme. Nun sollen die Funktionen der App Schritt für Schritt erweitert werden: Noch in diesem Monat können Eltern dann die Gewichtsdaten ihres Babys zur Beurteilung direkt an eine Hebamme schicken (später auch an einen Arzt, Stichwort: Telemedizin). Bisher haben Sandra und Michael Hebel ihr Unternehmen selbst finanziert, nun sind sie „ready for invest“ und suchen Geldgeber, um die Geschäftsfelder von Emiltonia auszubauen. „Wir können uns auch Kooperationen mit Ernährungswissenschaftlern vorstellen, die unsere anonymen Daten für Studien nutzen könnten.“ Ihrer Babywaagen lassen sie nicht in NRW produzieren. Die werden in China hergestellt, die Tücher in der Türkei, die App in der Ukraine – „sonst wären wir nicht wettbewerbsfähig“.

Übrigens: Wenn das Baby zum Kind herangewachsen ist, lässt sich die Schale abmontieren und die Waage bis ins Erwachsenenalter und einem Gewicht bis 100 Kilo nutzen. Die Zwillinge der Mitgründer sind mittlerweile drei Jahre alt – und haben sich prächtig entwickelt. (www.emiltonia.de)

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