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Venezuela: Zwischen Aufbruch und Risiko

Venezuela rückt wieder in den Fokus internationaler Unternehmen. Gewaltige Rohstoffreserven, hoher Investitionsbedarf und wirtschaftspolitische Öffnungen wecken Hoffnungen auf neue Geschäfte. Doch wie tragfähig sind diese Entwicklungen?

Autorin: Alexandra von Hirschfeld; © Adobe Stock; Stand 10/2026

Dieser Frage widmete sich die IHK Düsseldorf mit ihrem Webinar „Venezuela im Wandel – Aktuelle wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen, Herausforderungen und Geschäftschancen zwischen Krise und Neubeginn“.

Katrin Lange, Referentin Internationale Märkte und Trends der IHK Düsseldorf, hatte Fachleute aus dem IHK- und AHK-Netzwerk sowie erfahrene Unternehmer eingeladen. Nach Schlagzeilen über eine neue „Goldgräberstimmung“ plädierte sie für eine differenzierte Betrachtung: „Wir reden über ein Land, das von einer sehr komplexen wirtschaftlichen, politischen und institutionellen Lage gezeichnet ist.“ Gerade deshalb seien Einschätzungen aus erster Hand wichtig, um Unternehmen Orientierung für ihre Südamerika-Strategie zu geben.

„Venezuela bewegt sich, aber Bewegung ist noch keine Normalisierung“, sagte Gunther Neubert, Geschäftsführer der Deutsch-Venezolanischen Industrie- und Handelskammer (AHK Venezuela). Das Interesse internationaler Unternehmen an Venezuela wachse wieder. 
Allerdings erschwerten die hohe Inflation, unsichere Finanzierungsmöglichkeiten, mangelnde Rechtssicherheit und eine vielerorts marode Infrastruktur weiterhin den Markteinstieg.

Eine positive Entwicklung beobachtete Dr. Mark Heinzel, Leiter des Referats Nord- und Lateinamerika der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), bei seinem jüngsten Besuch in Venezuela: Die Regierung zeige sich inzwischen bereit, über die Begleichung ausstehender Forderungen deutscher Unternehmen zu verhandeln. Zudem werbe sie gezielt um Investitionen, insbesondere in die Energie- und Infrastrukturbranche.

Öl, Gas und ein enormer Investitionsbedarf

Mit rund 303 Milliarden Barrel verfügt Venezuela über die weltweit größten nachgewiesenen Erdölreserven. Kay Boetticher, Präsident der AHK Venezuela und seit 30 Jahren Unternehmer im Land, sieht „endlich wieder Licht am Ende des Tunnels“. Die Ölförderung habe zuletzt um rund 20 Prozent zugelegt. Neue US-Lizenzen eröffneten zusätzliche Spielräume für Investitionen im Energiesektor.

Doch das Potenzial reicht weit darüber hinaus. Ligia Arias von der AHK Venezuela nannte erneuerbare Energien, Maschinen- und Anlagentechnik, Infrastruktur, Telekommunikation, Landwirtschaft und Medizintechnik. Marode Strom- und Wassernetze sowie der Wiederaufbau nach der Erdbebenkatastrophe schaffen erheblichen Bedarf. Für Unternehmen aus Düsseldorf und dem Kreis Mettmann könnten sich Absatzmöglichkeiten für technische Lösungen und Dienstleistungen eröffnen. Allerdings sei ein großer Bedarf noch kein Projekt, so Neubert. Entscheidend seien tragfähige Finanzierung, transparente Verfahren und verlässliche Partner.

Wenn der Hafen zum Nadelöhr wird

Wie schwierig die Umsetzung sein kann, schilderte Carsten Schryver von Schryver Logistics Venezuela. Sein Unternehmen ist seit rund 40 Jahren im Land aktiv und betreut unter anderem Kunden aus der Lebensmittel- und Pharmabranche. Zwar erreichen wieder Spezialschiffe mit Ausrüstung für die Öl- und Gasindustrie venezolanische Häfen. Doch begrenzte Transport- und Abfertigungskapazitäten bremsen den Handel. Kleine Containerschiffe verbinden das Land mit Umschlagplätzen in der Karibik und in Kolumbien. Eine Verdoppelung oder Verdreifachung des Warenverkehrs könne die Infrastruktur derzeit kaum bewältigen, so Schryver.

Hinzu kommen Schwierigkeiten im Zahlungsverkehr: Unternehmen berichten von monatelangen Wartezeiten bei internationalen Überweisungen. Zahlungswege, Lieferbedingungen und Logistik sollten daher vor Vertragsabschluss sorgfältig geklärt werden.

Exportkontrolle ist Chefsache

Auch rechtlich bleibt Venezuela ein anspruchsvolles Marktumfeld. Seit November 2017 gelten EU-Sanktionen, darunter ein Waffenembargo sowie Verbote und Beschränkungen für bestimmte Ausrüstung, die zur internen Repression oder zur Überwachung von Kommunikation eingesetzt werden kann. 

Holger von der Burg, Teamleiter Zoll und Außenwirtschaftsrecht der IHK Düsseldorf, verwies zudem auf die allgemeinen Exportkontrollvorschriften. „Zu prüfen sind Geschäftspartner, Verwendungszweck und sogenannte Dual-Use-Güter – Produkte, Software und Technologien, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können.“

Zusätzlich können US-amerikanische Sanktions- und Exportkontrollvorschriften greifen, etwa bei Geschäften mit US-Personen, US-Produkten oder sonstigem relevantem US-Bezug. Mehrere 2026 erlassene, beziehungsweise geänderte „General Licenses“ der US-Sanktionsbehörde OFAC ermöglichen bestimmte Geschäfte unter festgelegten Voraussetzungen. Ihr Anwendungsbereich ist jeweils im Einzelfall zu prüfen; die Genehmigungen können geändert, eingeschränkt oder aufgehoben werden. Von der Burgs Appell: „Exportkontrolle ist Chefsache.

Chancen prüfen, Risiken begrenzen

Eine wichtige Rolle spielt die regionale Zusammenarbeit: Kolumbien dient deutschen Unternehmen zunehmend als Ausgangspunkt, um den venezolanischen Markt zu sondieren.

Auch MERCOSUR könnte für die wirtschaftlichen Perspektiven Venezuelas eine Rolle spielen. Das südamerikanische Wirtschaftsbündnis, dem unter anderem Brasilien und Argentinien angehören, soll den Handel zwischen den Mitgliedstaaten durch den Abbau von Zöllen und Handelshemmnissen erleichtern. Venezuela ist zwar formal Mitglied, seit 2017 jedoch suspendiert und kann daher die Mitgliedschaftsrechte nicht wahrnehmen. Eine baldige Rückkehr in das Bündnis halten die AHK-Fachleute für unwahrscheinlich.

Derxi Regardiz, stellvertretender Geschäftsführer der AHK Venezuela, empfiehlt einen schrittweisen Markteinstieg: Geschäftspartner und Zahlungsfähigkeit prüfen, Zahlungsbedingungen vertraglich absichern, mit Pilotprojekten beginnen und wirtschaftliche sowie politische Risiken regelmäßig neu bewerten.

Die zentrale Botschaft der Veranstaltung: Venezuela bietet wirtschaftliche Perspektiven, ist aber keinen Selbstläufer, sondern bedarf einer intensiven Vorbereitung. Die IHK Düsseldorf unterstützt Unternehmen bei Fragen zu internationalen Märkten, Exportkontrolle und rechtlichen Rahmenbedingungen. Gemeinsam mit dem weltweiten AHK-Netzwerk hilft sie, Chancen realistisch einzuschätzen und Geschäftskontakte anzubahnen.


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