Quelle: IT NRW

Gastkommentar von Jürgen Grosche

Niemand bezweifelt ernsthaft, dass wir im Raum Düsseldorf eine neue Verkehrspolitik brauchen. Die Straßen sind verstopft und Abgase belasten die Umwelt. Doch die Hektik, mit der die Stadtverwaltung Düsseldorfs zurzeit handelt, gleicht einer Vollbremsung bei voller Fahrt. Die Einführung der Umweltspuren hat zu einem großen Chaos im Straßenverkehr, bei Unternehmen und tausenden betroffenen Pendlern geführt. In Stoßzeiten staut sich zum Beispiel im Süden der Verkehr kilometerlang bis auf die Autobahn.

Die Beschwerden von allen Seitenhäufen sich: Pendler berichten, dass sie statt früher eine halbe Stunde jetzt anderthalb Stunden zur Arbeit brauchen, und Unternehmen, dass die Beschäftigten entsprechend verspätet und gestresst zur Arbeit kommen. Selbst die, die eigentlich profitieren sollten, beklagen sich: Busse gleich mehrerer Linien schleichen in eben denselben Staus über die A 46, bevor sie die Umweltspur erreichen, und verlieren mehr Zeit, als sie nachher gewinnen. Das gilt ebenso für Taxis, E-Autos und Fahrgemeinschaften.

Nach dem Beschluss des Düsseldorfer Stadtrates von Ende November müssen sie alle auf absehbare Zeit weiterhin mit diesen Verkehrsbeschränkungen leben. Und das, obwohl doch eines klar ist: Der Umwelt dienen diese Umweltspuren nicht. Direkt in ihrem Umfeld haben sich zwar die Luftwerte verbessert. Doch in den Stauregionen im Norden wie im Süden der Stadt sorgen die zusätzlichen Belastungen für deutlich mehr Luftverschmutzung. Das wird sich so schnell nicht ändern; man erreicht also das Gegenteil dessen, was man möchte. Die Maßnahmen führen zu weniger statt mehr Umweltschutz.

Quelle: Berechnungen der IHK Düsseldorf

Es ist indes ein offenes Geheimnis, dass die Spuren allein dem Ziel dienen, einem Dieselfahrverbot zuvorzukommen. Doch sind dazu solch drastische Eingriffe nötig?

Immerhin haben die Umweltspuren bewirkt, dass man nun grundsätzlich intensiver über die Verkehrswende diskutiert. Mit welchen Argumenten, das ist oft allerdings zu hinterfragen. Manche Befürworter fordern, man müsse Autofahrer unter Anpassungsdruck setzen, damit sie auf alternative Verkehrsmittel umsteigen. Die Autofahrer werden sich anpassen, aber anders als von den Optimisten erhofft: Sie werden früher losfahren und weiterhin lange im Stau stehen. Denn vielen Pendlern fehlen die Alternativen. Sie sind schlecht an den öffentlichen Nahverkehr angebunden und der ist außerdem ebenfalls überlastet.

Quelle: IT.NRW

Zudem haben sich über Jahrzehnte ganze Wohnsiedlungen und Gewerbeparks an einer aufs Auto bezogenen Verkehrsinfrastruktur orientiert. Pendler und Betriebe wählten ihre Wohnungen und Standorte im Vertrauen an eine gute Anbindung mit dem Auto aus. Man kann sie ebenso wenig über Nacht verpflanzen wie an einen leistungsfähigen Nahverkehr anbinden. Der Wandel braucht Zeit. Und er wird teuer. Der öffentliche Nahverkehr muss massiv ausgebaut werden, was viel kostet und übrigens ebenfalls lange dauern wird.

Viele Ideen liegen auf dem Tisch und werden bereits umgesetzt: Taktverbesserungen im Nahverkehr, mehr Park & Ride-Plätze, mehr Elektrofahrzeuge aller Art (Autos, Räder, Scooter), innovative City-Logistik-Konzepte. Das ist alles gut und richtig. Unter zwei Bedingungen: Erstens: Es braucht Zeit, denn die Konzepte sollten durchdacht sein und nicht im Gestolper mit dem zweiten vor dem ersten Schritt konterkariert werden. Und zweitens: Wie auch immer man ihn konfiguriert – der Individualverkehr wird auch künftig seinen Stellenwert haben. Das erfordert die moderne Welt mit ihren Ansprüchen an effiziente Arbeitsprozesse und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.
Jürgen Grosche ist freier Journalist in Düsseldorf