Auf ungewohntem Terrain: IHK-Inklusionsberater Lutz Overrath mit Farid Schmitz (links) in der Werkstatt für angepasste Arbeit.

Von Gesa van der Meyden, Fotos Paul Esser

Der Ton der Kantinenchefin Anke Dammer van Düren ist freundlich, aber bestimmt. „Hände waschen und desinfizieren, bitte! Wir müssen mit der Essensausgabe beginnen, die Leute warten.“ Wolfgang Heinze, Inhaber der Wäscherei Heinze und Mitglied im IHK-Außenwirtschaftsausschuss, macht sich an die Arbeit. Der 61-jährige Unternehmer übernimmt an diesem Tag die Schicht von Gerd Schütz (63), der seit 35 Jahren in der Küche der Werkstatt für angepasste Arbeit in Heerdt arbeitet. Im Gegenzug wird Schütz bald für einen Tag in der Wäscherei an der Ulmenstraße waschen, falten und bügeln. Die beiden beteiligen sich damit an der bundesweiten Aktion „Schichtwechsel“, zu der die Bundesarbeitsgemeinschaft der Werkstätten für Menschen mit Behinderungen aufgerufen hat und an der allein in Düsseldorf neben der IHK 15 Unternehmen und Organisationen teilnehmen.

Vorurteile überwinden

„Es geht darum, Vorurteile zu überwinden und zu zeigen, dass die Menschen in unseren Werkstätten keine stumpfen Tätigkeiten ausüben, sondern einen wichtigen Beitrag leisten und aktiv am Arbeitsleben teilnehmen“, sagt Andrea Schmidt, Sprecherin der Werkstatt für angepasste Arbeit (WfaA) in Düsseldorf, die rund 1.500 Menschen mit Behinderung beschäftigt. Das spürt auch Wolfgang Heinze, der zügig die Teller an der Essensausgabe füllt und kaum Zeit zum Durchatmen hat.

Berührungsängste vor Menschen mit Behinderungen oder psychischen Beeinträchtigungen hat er nicht. „Ich hatte schon während der Schulzeit Mitschüler mit Down-Syndrom und habe früh gelernt, innere Schwellen abzubauen“, sagt er. „Ich finde es wichtig zu zeigen, dass Menschen mit Behinderungen ebenso leistungsfähig sind wie Menschen auf dem regulären Arbeitsmarkt.“ Gerd Schütz, der ursprünglich aus Duisburg stammt und leicht geistig beeinträchtigt ist, freut sich schon auf seine Schicht in der Wäscherei. „Es ist immer schön, Neues kennenzulernen und sich weiterzubilden.“

Wolfgang Heinze (links), Inhaber der Wäscherei Heinze, übernahm die Schicht von Gerd Schütz in der Küche der Werkstatt für angepasste Arbeit.

Offen und begeisterungsfähig

Komplettes Neuland ist die Lagerhalle in der Werkstatt für angepasste Arbeit an der Marienburger Straße im Stadtteil Hassels für André Lutz Overrath nicht. Als ehemaliger Technical Manager für Produktion, Technik und Vertrieb ist der heutige Fachberater für Inklusion bei der IHK Düsseldorf mit den Vorgängen handwerklicher Arbeit vertraut. Dennoch hört der 54-Jährige seinem Schichtwechsel-Partner Farid Schmitz aufmerksam zu, als dieser ihm die nächsten Arbeitsschritte erklärt. Denn natürlich ist jedes Unternehmen anders, und auch Lutz Overrath muss sich in die Abläufe im Bereich Lager, Logistik und Haustechnik der WfaA erst einarbeiten.

Inklusion ist im Online-Magazin der IHK Düsseldorf immer wieder ein Thema. Eine Reihe von Beiträgen zeigt, dass die Ausbildung und die Integration von Menschen mit Handicap auch für die Unternehmen viele Vorteile bietet.

IHK-Experte für Inklusion

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Lutz Overrath, erzählt, wie er Unternehmen bei der Einstellung von Menschen mit Behinderung unterstützt.

„Ich habe mich entschieden, nach 25 Jahren Arbeit in einem Konzern als Fachberater für Inklusion zur IHK zu wechseln, weil mir das Thema am Herzen liegt“, sagt Lutz Overrath, dessen Schwägerin geistig behindert ist. Ihm ist es wichtig, Unternehmen zu zeigen, dass „Menschen mit Behinderungen viele Lücken füllen können, die derzeit auf dem freien Arbeitsmarkt klaffen und dass diese Menschen durch ihre Loyalität und Motivation besonders wertvolle Mitarbeiter sind“.

Auch Farid Schmitz, der eine psychische Erkrankung hat, geht in seiner Tätigkeit in der Werkstatt für angepasste Arbeit auf. „Ich bin sehr froh, eine Arbeit zu haben und unter Menschen zu sein“, sagt der 40-Jährige. Die Agentur für Arbeit habe ihm die Stelle vermittelt, und er sei dankbar für einen „normalen Tagesablauf“. „Rumhängen ist nicht mein Ding, ich brauche eine Aufgabe“, sagt der gebürtige Kölner, der seit sechs Jahren in der Werkstatt beschäftigt ist. Sein Gruppenleiter Michael Preuß, der wie André Lutz Overrath lange in der freien Wirtschaft arbeitete, möchte seinen täglichen Kontakt mit den Mitarbeitern der WfaA nicht mehr missen. „Die Kollegen hier sind offen und begeisterungsfähig, und ich kann ihnen etwas beibringen. Das empfinde ich als großen Gewinn.“

Ein Riesen-Spektrum

Rund zwei Wochen, nachdem André Lutz Overrath an der Marienburger Straße zu Gast war, tritt Farid Schmitz seinen Tag bei der IHK Düsseldorf am Ernst-Schneider-Platz im Herzen der Stadt an. Pünktlich um 8.30 Uhr empfängt ihn Lutz Overrath in seinem Büro mit schönem Blick über Düsseldorf und zeigt ihm seinen Arbeitsplatz. Nach einer kurzen Einführung in die EDV erläutert der IHK-Fachberater für Inklusion seinem heutigen Gast-Kollegen, wie ein typischer Tag bei ihm aussieht. „Als Berater bin ich für rund 85.000 Mitgliedsunternehmen in Düsseldorf und im Kreis Mettmann für Fragen der Inklusion Ansprechpartner.“

Rund zwei Wochen später lernt Farid Schmitz den Arbeitsplatz von Lutz Overrath in der
IHK kennen.
Rund zwei Wochen später lernt Farid Schmitz den Arbeitsplatz von Lutz Overrath in der IHK kennen.

Farid Schmitz ist beeindruckt, wie vielfältig diese Beratung ist und wie viele Bereiche sie umfasst. „Das ist wirklich ein Riesen-Spektrum. Zum Beispiel müssen manche Arbeitsplätze besonders ausgestattet werden.“ Lutz Overrath ergänzt: „Es geht um eine behindertengerechte Ausstattung mit einer speziellen Software, eine ergonomische Tastatur und Maus oder spezielle Ausrüstung für Telekommunikation, die Möglichkeiten hier sind sehr vielfältig.“ Der IHK-Berater gibt den Firmen einen Überblick über die gesetzlichen Grundlagen bei der Einstellung eines Menschen mit Behinderung, hilft ihnen bei der Planung und der Suche nach passenden Bewerbern sowie der Beantragung von Fördermitteln. Am Nachmittag steht ein Besuch beim Taxibetrieb Marco Jost an. „Dort haben wir einen aktuellen Beratungsfall. Wir hoffen, dass wir erneut dazu beitragen können, einen Menschen mit Behinderung zu vermitteln“, sagt Lutz Overrath. Sein heutiger Begleiter Farid Schmitz ist dankbar für die Einblicke, die ihm das Projekt „S(ch)ichtwechsel“ bietet. „Ich nehme auch für meine eigene berufliche Weiterbildung wertvolle Tipps mit“, sagt er.

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