Von Daniel Boss, Foto Paul Esser

Ausbildung im Jahr 2019: Für die vier jungen Frauen und Männer, die derzeit bei der Evaro GmbH in Hilden lernen (im Bild: Timothèe Germes und Kiana Schulte) ist es völlig normal, dass am Arbeitsplatz gefilmt wird, um die Sequenzen dann wenig später auf der Videoplattform Youtube einzustellen. Dafür gibt es sogar einen eigenen Kameramann. Natürlich wird auch Instagram bedient, hier landen regelmäßig Hingucker Fotos. Live-Calls mit angesagten Podcastern gehören ebenfalls zum Arbeitsalltag. Zwei Azubis sind angehende Kaufleute im E-Commerce, ein Abschluss, der erst seit 2018 möglich ist. Die Hierarchien sind extrem flach, was wohl auch darin liegen mag, dass die beiden Geschäftsführer selbst erst knapp über 20 sind. Die älteste Mitarbeiterin, eine Designerin, ist zwar kein „digital Native“ mehr, ist aber auch erst Mitte 40. An schönen Abenden wird schon mal der Grill im Garten angeworfen und das 22-köpfige Team entspannt sich beim Beobachten der Goldfische im Teich.

Neue Azubi-Welten

Um diese Azubi-Welt richtig einzuordnen, muss man wissen, dass es sich bei der Agentur AMZ, hinter der die Evaro GmbH steht, um ein Start-up handelt. In der Neugründung vom Sommer des vergangenen Jahres dreht sich alles ums Digitale. AMZ Complete ist nach eigenen Angaben die weltweit erste Full-Service-Amazon-Agentur. Das Team unterstützt sowohl bereits aktive „Seller“ als auch komplette Neulinge dabei, ihr Ziel schneller zu erreichen und in die Umsetzung zu kommen. Das beginnt bei der Produktfindung und reicht über den Import bis zu einem erfolgreichen Launch. Anna Sibbing ist verantwortlich für das Marketing und den Personalbereich. Sie betont, dass – wenn alles passt – es sehr flott gehen kann auf der Karriereleiter. „Eine unserer Auszubildenden für Büromanagement stemmt im zweiten Lehrjahr bereits die gesamte Buchhaltung.“ Es dürfte nicht das einzige Beispiel dieser Art bleiben, denn durch das rasante Wachstum müssen zeitnah Führungspositionen besetzt werden. Eine gute Möglichkeit für junge Leute, ihre Fähigkeiten gleich zu Beginn der Berufskarriere unter realen Bedingungen unter Beweis zu stellen.

„Der Ausbilder von einst, der
‚klare Ansagen‘ gemacht hat, ist heute eher ein Lernbegleiter.“

JENS PESCHNER, IHK DÜSSELDORF

Damit geht die Agentur auf die Bedürfnisse von Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein, die oft unter dem Sammelbegriff „Generation Z“ zusammengefasst werden. Neben den Lerninhalten, so propagieren Fachleute, ist es aus Unternehmenssicht sehr wichtig, diesen Berufsanfängern auch individuelle Entwicklungsschritte anzubieten. „Es geht beispielsweise darum, den Auszubildenden konkrete Projekte zu übertragen, die sie eigenständig bearbeiten dürfen“, erklärt Jens Peschner, bei der IHK Düsseldorf Leiter des Bereich Berufsbildungsmarketing und -projekte. Der Ausbilder von einst, der „klare Ansagen“ gemacht habe, sei heute eher ein Lernbegleiter, der das selbständige Arbeiten gezielt anbietet und begleitet. Hier müssten die Unternehmen umdenken. Im derzeit tobenden Kampf um die besten Köpfe ist eine gute Arbeitgeber-Marke unerlässlich. „Neben den harten Fakten wie die Höhe der Vergütung schauen die jungen Leute auch auf die im Betrieb herrschende Atmosphäre und das zusätzliche Angebot“, betont Jens Peschner. Auslandsaufenthalte beispielsweise, jahrzehntelang nahezu ausschließlich Studierenden vorbehalten, erfreuen sich unter Auszubildenden einer immer größeren Beliebtheit. Neue Formate wie Azubi-Workshops (etwa zum gegenseitigen Kennenlernen oder zum Finden von Lernpatenschaften) sind auch für kleinere Betriebe verhältnismäßig leicht umsetzbar.

Netzwerk für kleine Unternehmen

Zudem können Kooperationen hilfreich sein. Das Unternehmensnetzwerk Schlüsselregion e. V. in Velbert und Heiligenhaus bietet unter anderem Einstiegsseminare für die Azubis an. „Neulich saßen bei uns wieder 16 junge Frauen und Männer“, berichtet Dr. Thorsten Enge, Geschäftsführer des Vereins mit rund 200 Mitgliedernaus dem Bereich Schloss und Beschlag (Industrie und Zulieferer). Bei diesen Seminaren geht es etwa ums Ankommen in einem Betrieb nach der Schule oder um Business-Knigge. „Was ein großer Konzern mit vielen Auszubildenden für sich alleine machen kann, passiert bei uns im Firmen-Netzwerk.“

Der Verein unterstützt auch beim Recruiting. Eine spezielle Webseite (ausbildung-schluesselregion.de) dient in erster Linie als Plattform für die Lehrstellen-Suche. Rund 100 freie Plätze sind aktuell zu finden. „Es ist ein Bauteil des Gesamtpakets, das vollständig von den Unternehmen finanziert wird, die sich auf der Webseite präsentieren“, sagt Enge. Hinzu kommen ein Youtube-Kanal sowie analoge Wege, darunter eine Ausbildungsbörse: „Im vergangenen Jahr konnten wir uns über die hohe Zahl von 800 Besuchern an einem Samstagvormittag freuen.” Zudem zeige man auf Bannern am Straßenrand Präsenz, informiere an Schulen und schalte gemeinsame Printanzeigen für alle beteiligten Firmen in den Lokalzeitungen – was besonders bei den Eltern auf Resonanz stößt.

Auf der Ausbildungsbörse der Schlüsselregion e.V. konnten Schüler sich direkt bewerben.
Auf der Ausbildungsbörse der Schlüsselregion e.V. konnten Schüler sich direkt bewerben. Foto A.Roth/Schlüsseldoregion e.V.

„Die Eltern sind sehr wichtig. Sie kommen zum großen Teil auch mit zur Ausbildungsbörse“, erzählt der Vereinsgeschäftsführer. Das sei auch in Ordnung, wichtig sei allerdings, „dass sie im richtigen Moment einen Schritt zurücktreten und ihre Kinder selbst mit den Unternehmen in Kontakt treten lassen“.

Ein Dach über dem Kopf

Die Eltern spielen aber auch aus ganz alltagspraktischen Gründen eine wichtige Rolle beim Thema Ausbildung. Schließlich sind sie es, die in vielen Fällen den Wohnraum zur Verfügung stellen. Gerade in einer stark nachgefragten „Immobilien-Region“ wie Düsseldorf sind Alternativen zum berühmten „Hotel Mama“ rar. Vor diesem Hintergrund hat die „Task Force für Arbeit“, bestehend aus IHK, Arbeitgebern, Gewerkschaften sowie der Agentur für Arbeit, die Stadt gebeten, bezahlbaren Wohnraum für Auszubildende zu schaffen. Daraufhin wurde ein städtischer Beirat ins Leben gerufen, der Wohneinheiten für insgesamt etwa 150 Auszubildende schaffen soll. Die Planungen sehen inzwischen verschiedene Standorte in Düsseldorf vor. Eine erste Wohneinheit in der Dorotheenstraße mit zwölf Wohnungen für Auszubildende war zum 1. August bezugsfertig. Auch andere haben die Notwendigkeit erkannt, dafür zu sorgen, dass Azubis ein finanzierbares Dach über dem Kopf bekommen. So plant der Caritasverband der Landeshauptstadt ein besonderes Projekt: Im neuen „Ludgeri-Quartier“ an der Merowingerstraße ist auch ein Altenpflegezentrum mit Kurzzeit und Tagespflege vorgesehen. Im fünften Stock sollen ab dem Jahr 2021 Wohnungen für Auszubildende entstehen. Genutzt werden können diese sowohl von der Caritas (derzeit 150 angehende Altenpflegefachkräfte, Kaufleute, IT und Hauswirtschafts-Profis sowie Duale Studierende) als auch von anderen Unternehmen. Jedes der 16 künftigen Zimmer wird über Küche und Bad im Raum verfügen, außerdem wird es eine Gemeinschaftsküche geben. Zusätzlich sind zwei Apartments für alleinerziehende Auszubildende mit einem Extra-Zimmer fürs Kind vorgesehen.

„Wohnungen für Auszubildende sind ein echtes Pfund, mit dem wir wuchern können und müssen.“

HENRIC PEETERS, CARITAS

„Solche Angebote werden stark nachgefragt, da schließe ich von unseren Auszubildenden auf den Gesamtbedarf in Düsseldorf“, sagt Caritasdirektor Henric Peeters. Insgesamt wohnen 16 Azubis in Caritas-WGs. „Wir möchten damit kein Geld verdienen, wir teilen die tatsächlichen Kosten durch die Zahl der Bewohner“, betont Henric Peeters.

Immer up to date bleiben

Diese Möglichkeit, Wohnraum zur Verfügung zu stellen, ist mehr als ein kleines Add-on. Es ist aus Sicht der Caritas „ein echtes Pfund, mit dem wir wuchern können und müssen“. Henric Peeters geht davon aus, dass andere Branchen und Unternehmen auf kurz oder lang nachziehen werden. Nicht zuletzt deswegen, weil sich die jungen Leute heutzutage ihre Arbeitgeber und Stellen aussuchen können: Neben der Bezahlung schauen sie auf das Betriebsklima, die Arbeitszeiten aber eben auch auf die Unterbringung. Es ist eine neue Generation an Auszubildenden herangewachsen, die in gewisser Weise auch einer neuen Generation an Ausbildung bedarf. „Wichtig ist die Offenheit der Unternehmen für Neues“, betont Jens Peschner von der IHK. Damit sei aber nicht gemeint, dass man jedes halbe Jahr die jeweils neuesten Medien einführe. „Bei der heutigen Frequenz in dieser Hinsicht mitzuhalten, ist insbesondere für kleine Betriebe extrem schwierig.“ Stattdessen sollte es seiner Meinung nach feste Ansprechpartner im Betrieb geben, die Entwicklungen verfolgen und up to date bleiben. Die besten Berater seien übrigens die Azubis selbst: „Sie wissen im Zweifel genau, was in ihrer Altersgruppe angesagt ist – und was man getrost vergessen kann.“

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