Von Rudolf Kahlen, Foto BIBB

Professor Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsausbildung (BIBB), erläutert, welche Kompetenzen im Zeichen des digitalen Wandels gefragt sind, und was das für ausbildende Betriebe und Berufsschulen bedeutet.

Herr Professor Esser, welche branchenübergreifenden Kompetenzen sind angesichts der Digitalisierung für angehende Fachkräfte unverzichtbar?

Esser: Unsere Untersuchungen zeigen unabhängig vom jeweiligen Beruf, wie sehr Lern-, Sozial- und Kommunikationskompetenz an Bedeutung zunehmen. Das Wissen um Prozesse und Systeme sowie die Problemlösefähigkeit werden vor allem deshalb zusehends wichtiger, weil Fachkräfte verstehen müssen, was in voll- und teilautomatisierten Arbeitsprozessen geschieht. Nur so können sie mitgestalten.

Was geschieht, wenn das Tempo der Veränderungen in der Arbeitswelt aufgrund zusätzlicher Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz, kurz KI, noch weiter zunimmt?

Esser: Die Veränderungsprozesse werden sich sehr unterschiedlich entwickeln. Das wird ein Nebeneinander konventioneller und hochdigitalisierter Arbeitsplätze mit sich bringen. In der Berufsausbildung müssen wir beides im Blick behalten: Wir brauchen neben dem Prozessmanager, der sich der KI bedient, auch künftig noch den Industriemechaniker, den Dachdecker oder die Einzelhandelskauffrau.

Welche Rolle fällt dabei dem dualen Partner der Ausbildungsbetriebe zu?

Esser: Die Berufsschule hat von jeher die Aufgabe, die hinter Arbeits- und Geschäftsprozessen liegenden Zusammenhänge zu vermitteln. Gemeinsame Projektarbeiten zwischen Schule und Betrieb sowie gut ausgestattete Lernlabore sind hier wichtige Aspekte. Betriebe könnten zum Beispiel auch an einer angemessenen Ausstattung der Berufsschule vor Ort mitwirken und sollten zudem den Austausch mit den Lehrkräften unterstützen.

Was ist nötig, damit die gefragten Kompetenzen firmenintern besser vermittelt werden?

Esser: Die Ausbildungsverantwortlichen sollten sich als Innovationstreiber im Unternehmen verstehen. Sie sind ebenso wie die Arbeitgeber gefordert, die Ausbildung im Betrieb regelmäßig auf den Prüfstand zu stellen und vom Ziel her zu überdenken. Dabei ist zu klären, wie ich heute ausbilden muss, um in fünf Jahren für die dann anstehenden Aufgaben die richtigen Fachkräfte zu haben.

Wie ließe sich dafür die einzelne Nachwuchskraft noch gezielter fördern?

Esser: Hier gibt es bereits gute Beispiele innovativer Unternehmen, die Auszubildende bewusst in interdisziplinären Teams einsetzen und mit kreativen Aufgabenstellungen betrauen. So werden sie zu Ideenscouts. Bereits recht verbreitet sind Projekte, in deren Rahmen Auszubildende etwa selbst Erklärvideos erstellen.

Wie sehr könnte daneben eine stärkere Vernetzung der Betriebe helfen?

Esser: Bundesweit gibt es hier durchaus interessante Entwicklungen und Beispiele, die uns zeigen, wie sinnvoll und qualitätsverbessernd Verbünde, Netzwerke und gelingende Lernortkooperationen für die Berufsausbildung sind. Gerade die Kammern, die Berufsschulen, aber auch überbetriebliche Bildungszentren sowie Bildungsdienstleister gehören dazu.

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