Schutzausrüstung ähnlich wie diese werden von Mettmann aus in die ganze Republik verschickt.

Text: Thomas Reuter, Fotos: AdobeStock, Medical Industrie

„SARS, die Schweinegrippe 2009, die Vogelgrippe. Wir haben alles mitgemacht. Doch Covid 19 übertrifft alles“, sagt Wolfgang Schlüss. „Das ist eine absolute Ausnahmesituation und mit nichts Anderem zu vergleichen. Eine riesengroße Herausforderung“, fügt der Vertriebs- und Marketingleiter der Medical Industrie und GmbH & Co KG in Mettmann hinzu. Mundschutz, Schutzkleidung, Desinfektionsmaterialien – als das geht aus der Kreisstadt Mettmann hinaus in die Republik. Und vieles ist Mangelware. „Wir sind eben auch auf Vorlieferanten und Produzenten angewiesen“, sagt Schlüss.

Am Limit

Das Unternehmen mit seinen 14 Mitarbeitern vor Ort sowie den vier Außendienstmitarbeitern und den drei Handelsvertretern fährt seit Wochen Sonderschichten – auch am Wochenende. „Wir haben das Telefon seit Ende Februar abgeschaltet, nehmen Bestellungen nur noch schriftlich und per Mail an“, beschreibt Schlüss die Situation. „Die Bearbeitung der Mails dauert eine Woche.“ Seither würden Überstunden anfallen, „bei einigen Mitarbeitern ist die Anzahl derart enorm, dass sie fast doppelt so hoch wie eine Monatsstundenzahl liegt“. Schlüss lobt den Einsatz der Kollegen in einer außergewöhnlich fordernden Situation. Und er weiß: „Alle Mitarbeiter sind im roten Bereich.“

Beschaulicher Anfang

Dabei hatte alles vor 30 Jahren ganz beschaulich angefangen, nämlich in einer kleinen Garage in Wülfrath. Das war im Jahr 1990. Das als Medical Handelsvertretung von Familie Epstein gegründete Unternehmen hatte sich auf die Belieferung von Industrieunternehmen und Krankenhäusern mit medizinischem Sachbedarf spezialisiert. Im Jahr 2000 kamen Behörden hinzu. Nach dem Umzug in eine Wuppertaler Betriebsstätte 2001 ging Medical die Kooperation mit Bode Chemie für den Vertrieb von hochwirksamen Desinfektionsmitteln im Marktsegment Industrie, Handwerk und Handel ein, führte zusätzliche Dienstleistungen, wie qualitative Schulungen im Bereich Betriebs- und Produkthygiene, ein. Nur zwei Jahre später wurde(n) der Außendienst erweitert und die Serviceleistungen ausgebaut. Im Jahr 2005 erteilte die Bezirksregierung dem Unternehmen die Großhandelserlaubnis nach §52a Abs. 1 Arzneimittelgesetz.
2007 ging es zurück ins Neanderland, genauer gesagt, nach Mettmann und dort zunächst ins Gewerbegebiet Ost. Gleichzeitig erweiterte das Unternehmen seine Produktrange um den Arbeitsschutz, und hier speziell in der Sparte Berufskleidung. Seit 2018 residiert Medical Industrie im neuen Firmengebäude an der Marie-Curie-Straße 16 in Mettmann.

Prioritäten setzen

In der Corona-Krise sind die Mitarbeiter in der Verwaltung nahezu komplett im Homeoffice im Einsatz. An der Marie-Curie-Straße hingegen haben die Mitarbeitenden in Lager und Vertrieb alle Hände voll zu tun. „Die Lieferengpässe spüren wir natürlich auch, müssen diese an unsere Kunden weitergeben“, sagt Wolfgang Schlüss.

„bei uns stehen nicht nur Mediziner und Pfleger ganz vorn auf der Liste.“

Wolfgang Schlüss, Medical Industrie

Betroffen ist das „klassische Sortiment“: alles rund um Schutzkleidung und Desinfektion. Ganz vorne auf der Bestellliste – und das überrascht kaum – stehen Atemschutzmasken und der OP-Mund-Nase-Schutz. „Wir müssen dann priorisieren, wer zuerst beliefert wird“, betont er und unterstreicht im gleichen Atemzug: „Und da stehen bei uns nicht nur Mediziner und Pfleger ganz vorn auf der Liste.“ Man entscheide nach der Systemrelevanz. „Da ist die Lebensmittelbranche ebenso wichtig“, befindet Schlüss. Medical Industrie trage mit der Belieferung von Schutz- und Desinfektionsmaterialien dazu bei, dass bei Lebens-, Nahrungs- und Futtermittelproduzenten Lieferketten nicht unterbrochen werden. „Da müssen andere Industrieunternehmen auch schon mal zurückstehen.“

Alle stehen unter Druck

Zu den Kunden gehören neben bedeutenden Industriekonzernen, Kommunen, Kindergärten, verschiedenen Lebensmittelunternehmungen unter anderem auch Institutionen wie der Deutsche Bundestag, die Deutsche Flugsicherung und bundesweit Justizvollzugsanstalten. Aber auch Blutspende- und Sanitätsdienste wie das Deutsche Rote Kreuz oder der Malteser Hilfsdienst sind auf Lieferungen aus Mettmann angewiesen.
Die meisten Kunden, berichtet Wolfgang Schlüss, würden angemessen auf die Lage reagieren. „Aber wir kennen mittlerweile alle Reaktionen vom Verständnis übers Bitten, Betteln und Flehen bis hin zu doch schon sehr unfreundlichen Ansagen. Aber wie gesagt: Wir alle müssen Prioritäten setzen.“
Nachvollziehbar, so Schlüss, seien die unterschiedlichen Reaktionen, denn: „Wir stehen doch wegen Corona alle unter Druck.“ Die Medical Industrie sei schließlich auch Kunde. Bei einem Hersteller von Defibrillatoren und Zubehör mit Sitz in Piacenza/Lombardei sei die Belieferung seit Februar gänzlich abgerissen. Verständlich, denn die Region gehört bekanntlich zu den am stärksten vom Corona-Virus betroffenen Gebieten.

Mit Defis Gutes tun

Medical Industrie vertreibt nicht nur Schutzausrüstung, sondern auch Defibrillatoren.

Der Vertrieb von Defibrillatoren ist eine weitere bedeutende Komponente im Geschäft des Mettmanner Unternehmens. Dazu engagiert sich Medical Industrie in der Initiative „Heartsafe“, über die man noch im März zwei Schulen mit Defis ausgestattet hat. Der Kooperationspartner „Ich kann Leben retten e.V.“ hat die Schüler in der Anwendung geschult.
Das Hauptaugenmerk aber liegt jetzt in der Bewältigung der Virus-Krise, die sich durchaus auch in Zahlen niederschlägt: In den ersten drei Monaten konnte die Medical Industrie einen enormen Umsatzzuwachs verbuchen. 

Ihre Meinung ist gefragt: Haben Sie Fragen oder Anregungen? Dann schreiben Sie uns eine E-Mail an die Redaktion.