Text: Dagmar Haas-Pilwat, Fotos: Paul Esser

Lange Durststrecke

Oscar Bruch führt in fünfter Generation das gleichnamige Schausteller-Unternehmen, das seit 1848 mit Attraktionen und Riesenrädern auf den Festplätzen Europas unterwegs ist.
„Ich freue mich darauf, wenn das Riesenrad sich dreht, und die Gäste nach der Fahrt mit einem Lächeln im Gesicht aussteigen. Anderen Menschen Freude zu bereiten, das ist es, was unseren Beruf ausmacht“, sagt Oscar Bruch. Doch bis das Leben wieder einigermaßen normal läuft, müssen er und sein Betrieb sich auf eine lange Durststrecke einstellen und von den Rücklagen leben: „Letzte Einnahmen hatten wir im Weihnachtsgeschäft, bevor im März, wenn eigentlich unsere Saison beginnt, wegen der Pandemie Kirmes und Schützenfeste abgesagt wurden.“ Umsatz komplett auf Null – das kennt der 56-Jährige nur aus Erzählungen seiner Großeltern aus der Kriegs-Generation.

Schausteller Oscar Bruch will sich ein zweites Standbein aufbauen.
Schausteller Oscar Bruch will sich ein zweites Standbein aufbauen.

Von den zwölf Festangestellten seien derzeit zehn in Kurzarbeit. „Die mehr als 30 Saisonarbeiter aus Polen und Rumänien – alles langjährige Mitarbeiter, die ich nicht verlieren möchte, warten darauf, dass sie wieder arbeiten können“, sagt Bruch.

Psychisch sei er so angespannt wie nie – das Leben zerreiße einen förmlich. Einerseits habe er mehr freie Zeit für die Familie, andererseits sorgt er sich um die Existenz des Unternehmens. „Nach zahlreichen Gesprächen mit Beratern und meiner Bank, gibt es Überlegungen, ein zweites Standbein aufzubauen, um nicht mehr von einem Geschäft so abhängig zu sein“, berichtet der Düsseldorfer und nutzt die Zeit für kreative Ideen.

Alles auf links gekrempelt

Petra Schlieter-Gropp, Gründerin und Inhaberin von Schlieter & Friends, veranstaltet seit 20 Jahren große Events wie die Jazz Rally oder das Frankreich-Fest, Henkel-Renntag, Emmy Award-Verleihung oder Flughafenkinderfeste. „In den letzten Wochen haben wir alles auf links gekrempelt“, sagt die Spezialistin für Events aller Art. Zukunftsängste, Verantwortungsdruck gegenüber Mitarbeitern, Tochter mit Homeschooling – da fiel es ihr anfangs schwer, positiv zu denken. Doch Petra Schlieter-Gropp spricht auch von Mut und Hoffnung, die sie dank der Unterstützung der Hausbank (Stadt-Sparkasse Düsseldorf) ebenso schöpfen konnte, wie durch die Sofortprogramme und die Möglichkeit, Kurzarbeit zu beantragen.

„Unser Team hält zusammen und unsere Kunden wollen weiter mit uns arbeiten, sobald die Zeit es wieder erlaubt.“

Petra Schlieter-Gropp, Gründerin und Inhaberin von Schlieter & Friends

Wirtschaftlich ist die Eventagentur tief getroffen: Alle Großveranstaltungen bis Ende August sind abgesagt, auch die – nun auf 2021 verschobene – Feier zum 20-jährigen Bestehen der Firma. „Ich selbst nutze diese Zeit, Bilanz zu ziehen, Leben und Arbeit neu zu denken.

“Während ihr die Treffen mit Freunden fehlen, schätzt sie vieles mehr, was früher selbstverständlich war. „Die Krise hat mich zutiefst demütig gemacht“, gibt Petra Schlieter-Gropp offen zu. Sie geht davon aus, dass sich durch die veränderte Arbeitsweise (Homeoffice, Videokonferenzen) auch das Ausgeh-/Vergnügungsverhalten wandelt.

„Es entstehen neue Eventansätze wie unser von der Sparda Stiftung unterstütztes Projekt „Hofkonzerteforfriends“. Schon mehrfach haben wir Konzerte im Innenhof der Agentur umgesetzt, um die Künstler mit einer kleinen Gage zu unterstützen und ihnen die Möglichkeit zu bieten, vor Publikum (auf den Balkonen) aufzutreten. Parallel verfolgen tausende von Fans die Auftritte – per Livestream.

Diese Wochen haben Kraft gekostet

Gabi Romberg hat 1992 die in Mettmann ansässige Firma Travel Marketing Romberg TMR GmbH gegründet und vertritt seitdem internationale Reiseziele in den deutschsprachigen Märkten Deutschland, Österreich und Schweiz.

Obwohl die Arbeit über ihr zusammenbrach, ist sich Gaby Romberg sicher, die Krise zu meistern.

„Es ist die stressvollste Zeit meines Lebens“, erklärt die 62-Jährige. Mit der Absage der Tourismusmesse ITB in Berlin „fing für uns die Krise an, die Arbeit brach über uns zusammen: Anrufe und E-Mails aus aller Welt gingen ein. Der Tourismus-Minister von Jamaica oder aus Kanada, Mitarbeiter von den British Virgin Islands oder aus Guayana waren verunsichert, wollten wissen, was in Deutschland los ist.“ Unzählige Telefonate und Skype Calls wurden geführt. „Weil man in der Krise schnell handeln muss und der direkte Kontakt zählt, haben wir einen Corona-Newsletter aufgelegt und alle zwei Tage aktualisiert an unser weltweites Netzwerk verschickt“, sagt Romberg. Nur so sei es gelungen, dass die Marketing- und PR-Aufträge halbiert oder auf Eis gelegt, aber nicht gekündigt wurden.

Persönlich belastet sie am meisten die Verantwortung für ihre 18 Mitarbeiter. „Ich will keinen von ihnen verlieren, und konnte zum Glück im April noch alle Gehälter zahlen.“ Dankbar ist sie dem Land NRW für die prompt bewilligte Soforthilfe. Auch wenn sie es nie für möglich gehalten hätte: Ab Mai sind einige ihrer Teams und sie selbst in Kurzarbeit. „Mental und emotional haben mich diese Wochen viel Kraft gekostet“, verrät die Unternehmerin und blickt dennoch zuversichtlich in die Zukunft: „Unsere Branche gehört zu den Gewinnern. Sobald es möglich ist, verreisen die Menschen. Und wenn jeder von uns ein bisschen auf Gewohntes verzichtet, meistern wir diese Krise.“

Das Rubens soll überleben

Cornelia Stolzer (Gastgeberin) und Ruben Baumgart (Küchenchef) haben im Oktober 2019 mit ihrem Restaurant „Rubens“ ein kulinarisches Stück Österreich in die ehemaligen Bank-Räume an der Kaiserstraße gebracht.

„Unser Gastgeberherz hat den Tag der Wiedereröffnung herbei gesehnt“, sagen die Gastronomen.

Aufgrund der Größe des Lokals sei es kein Problem, Abstandsregeln einzuhalten und die Tische weit auseinander zu stellen. Was auch immer als Auflagen gefordert wird, „wir befolgen alle“, heißt es. So können die Gäste, um ihnen aus Hygienegründen keine Speisekarte mehr in die Hand zu geben, nun die Karte mit einem QR-Code auf dem eigenen Handy einsehen. Als ein Wechselbad der Gefühle zwischen Hoffnung und Existenzangst beschreibt Cornelia Stolzer ihren Gemütszustand.

Cornelia Stolzer und Ruben Baumgart tun alles dafür, damit das „Rubens“ überlebt.

„Geholfen hat uns die umgehend bewilligte Soforthilfe, mit der wir die Miete zahlen konnten“, erzählt Baumgart.

Die sechs festen Mitarbeiter sind in Kurzarbeit, während die Chefs sieben Tage die Woche erfolgreich das neu ins Leben gerufene Take-Away-Geschäft gemanagt haben. Corona biete die Gelegenheit, manches anders zu betrachten und nicht noch mehr nach Saus und Braus zu streben. „Wir wissen es zu schätzen, dass wir in einem Land leben, in dem (fast) alles verfügbar ist“, sagt das Paar und hofft, dass sich die Gesellschaft künftig mit Nachdruck zur Nachhaltigkeit bekennt. Privat hat die Krise sie enger zusammengeschweißt, „und das, obschon wir sowieso 365 Tage 24 Stunden zusammen sind“. Stolzer und Baumgart freuen sich darauf, wieder ins Kino gehen zu können und Freunde ohne schlechtes Gewissen zu treffen.

Dabei haben sie ihr Ziel „das Rubens soll überleben“ klar vor Augen und werden zudem den Take-Away-Service –  alle Speisen verpackt in Geschirr aus Zuckerrohr – fortführen.

Leben und Arbeit neu denken

Maria Kofidou ist seit 2019 Geschäftsführerin der Düsseldorf Congress GmbH. Die Chefin von 65 Mitarbeitern ist verantwortlich für das CCD Congress Center Düsseldorf, die Stadthalle sowie verschiedene Sonderveranstaltungen in den Hallen der Messe Düsseldorf.

„Management per Live-Ticker“ – so umschreibt Maria Kofidou ihren Arbeitsalltag. Flexibel bei Entscheidungen sein und flink im Kopf – das sei das oberste Gebot in Zeiten, in denen das Geschäft wegbricht. Neben der Beratung und dem „Auffangen“ der Kunden hat Kofidou mit ihrem Team in Gesprächen und Workshops kreative Konzepte entworfen und umgesetzt: Zum Beispiel aus eigener Kraft ein Life Stream-Studio aufgebaut und den Kunden als neues Geschäftsmodell angeboten.

Maria Kofidou stellt alles auf den Prüfstand und vermisst die Menschen um sich herum.

„Wir haben alles auf den Prüfstand gestellt und sind vorbereitet, wenn die ersten Veranstaltungen wieder erlaubt sind. Mehr als zuvor werden demnächst digitale und hybride Formate das Veranstaltungsgeschäft ergänzen“, sagt sie und ist davon überzeugt, dass die „Face-to-Face-Kommunikation“ auf einem Kongress wichtiger denn je wird.

2020 sollte eines der erfolgreichsten Jahre für Düsseldorf Congress werden: Das Kongress- und Seminar-Geschäft startete so gut wie nie – „bis die Absagen wie ein Blitz einschlugen“, erinnert sich Maria Kofidou. Anfangs hat die Diplom-Kauffrau geglaubt, das Virus aus China hinterlasse seine Spuren flüchtig wie ein Sprint. „Doch dann wurde daraus ein sehr langer Marathon.“

Für jeden werde diese weltweite Krise Auswirkungen haben und wir werden nicht wieder anfangen können, wo wir aufgehört haben, sagt sie. Doch sie betrachtet Veränderungen, Neues auszuprobieren als Chance. Während einige Mitarbeiter ab Juni in Kurzarbeit sind, kommt die Chefin täglich ins Büro.

„Ich vermisse die Menschen um mich herum, das Leben fehlt mir, alles ist so leise geworden“, sagt sie und empfindet gleichzeitig die Reduzierung aufs Wesentliche als positiv.„Meine Sinne sind geschärft, ich sehe vieles klarer, konzentrierter.“

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