Text: Thomas Reuter, Fotos: Andreas Endermann

Wenn von heute auf morgen der Betrieb geschlossen werden muss. Wenn von jetzt auf gleich alle Aufträge wegbrechen. Wenn der eben noch volle Kalender gähnend leer wird. Dann … Ja, was passiert dann eigentlich? In der Corona-Krise entpuppen sich Unternehmerinnen und Unternehmer als wahre Krisen-Künstler. „Was Corona auch lehrt: Man muss schnell entscheiden, kreativ sein und immer kurzfristig auf sich verändernde Situationen reagieren“, sagt zum Beispiel Thea Ungermann, Geschäftsführerin der Schumacher Altbier-Manufaktur, die das Altbier-Drive-In gestartet hat. Sie und andere Geschäftsleute unternehmen was in diesen Zeiten.

Gemeinsam plöppen von Balkon zu Balkon

Zum Beispiel: die Schumacher Brauerei. Dort sind inzwischen wieder das Stammhaus an der Oststraße und der Brauereiausschank „Im Goldenen Kessel“ auf der Bolkerstraße geöffnet. „Es hat sich was verändert“, sagt Thea Ungermann. Kurz vor unserem Interview habe sie sich im Stammhaus mal kurz zu zwei Stammgästen gesetzt. „Einfach etwas Persönliches geben“, sagt sie zu diesem Moment, „weil die Stimmung trotz der Freude, dass wir wieder öffnen dürfen, etwas anders ist“, sagt sie. Ein Grund: „Es sieht zu kahl auf den Tischen aus. Das war uns immer wichtig, dass da der Senftopf steht, der Krug mit Besteck.“ Ja, das kennt man aus dem Brauhaus. Kleinigkeiten machen den Charme aus. „Dann eben ein nettes Wort“, so Ungermann.

Als die Brauerei im März schließen musste, „haben wir sofort nachgedacht“, sagt die Geschäftsführerin. Es gab den eigenen Schumacher-Krisenstab. Und in dem sprudelten die Ideen nur so. „Wir wollten gegen den Corona-Blues vorgehen“, sagt Thea Ungermann. So wurde die neue 0,33 l-Mehrwegflasche Schumacher Alt mit Bügelverschluss an den Start gebracht. Und mit diesem wurde sogleich Schumacher-Geburtstag gefeiert. „Treffen durfte man sich nicht, aber man konnte gemeinsam Plöppen – von Balkon zu Balkon, von Fenster zu Fenster.
Kreiert wurde außerdem der Altbier-Drive-In – auf der Taxispur vor dem Stammhaus. Aus dem Auto heraus konnte beispielsweise eine Kiste Schumacher geordert werden, die dann in den Kofferraum gestellt wurde. „Das kam sofort gut an. Mit so einem Rückstau haben wir nicht gerechnet“, sagt Ungermann und muss noch einmal Schmunzeln. Zum Muttertags-Drive-In wurden zusätzlich selbst gemalte Bilder – in Schumacher-Blau – verkauft. Der Erlös dieses Verkaufs ging an die Schumacher-Mitarbeiter, „die ja kein Trinkgeld in der Zeit verdienen konnten“.

Ein Hotel für Studierende

Zum Beispiel: das „me and all hotel“ in der Düsseldorfer Immermannstraße. Keine Messe, keine Tagestouristen – Corona hat Reservierungsbücher der Hotels in der Landeshauptstadt leergefegt. Bei dem „me and all hotel“, das zur Lindner-Gruppe gehört, war das nicht anders – wie Catherine Bouchon, Director Public Relations berichtet. „Es musste reagiert werden.“
Eine Maßnahme, die ganz neues Klientel in den Blick nahm: der „Easy Semesterstart“. Bekanntlich wurde das Sommersemester mit Verspätung gestartet. Für Studierende eine weitere Hürde, im umkämpften Düsseldorfer Wohnungsmarkt eine Bleibe zu finden. Die Idee: Das Hotel bietet Studierenden auf Wohnungssuche eine Unterkunft für zwei oder vier Wochen an – mit den Vorteilen eines Hotels und High-speed W-Lan inklusive. „So konnten die Studierenden bei der Suche nach einer WG oder kleinen Wohnungen schon einmal in ihrer Uni-Stadt wohnen“, skizziert Bouchon. Sie räumt ein, dass diese Offerte eher zögerlich angenommen worden sei. „Was wohl auch daran liegt, dass das Studium wegen Corona zunächst online erfolgt und eine Unterkunft nicht die Bedeutung im Moment hat.“
Daher forciert die Lindner-Gruppe ein weiteres Projekt: das Hotel-Office. Das zielt auf Geschäftsreisende. Diese können Tageszimmer buchen – vielleicht als Überbrückung zwischen Terminen oder auch als mobilen Bürostandort. Zum Paket gehören dann schnelles W-Lan, ein Schreibtisch und eine Flasche Wasser. Zielgruppe könnte ebenso der Geschäftsmann oder die Geschäftsfrau sein, wenn das eigene Homeoffice in Sachen Homeschooling mit der Familie geteilt werden muss und für den Job ein Rückzugsort auf Zeit benötigt wird.

Im Team Ideen schmieden

Zum Beispiel: Achim Stolper. Der Wülfrather führt seit 20 Jahren sein Messebau-Unternehmen „Exact Messe Design“. Doch zum Feiern ist ihm nicht zumute. Sein eigentliches Geschäft sei komplett weggebrochen. Es war Ende Februar. Er hatte gerade den Stand eines Kunden für eine Messe in Nürnberg aufgebaut, wartete nur noch auf die Abnahme. „Da kam dann die Ansage über Lautsprecher, dass die Messe abgesagt wird.“ Das war sein letzter Messe-Termin in diesem Jahr. „Danach wurde das ganze Messe-Geschäft eingestellt.“ Der März, sagt Stolper, sei der wichtigste Monat des Jahres. „Von gleich auf jetzt fehlte jede Einnahme“, sagt der 54-Jährige. Nach einem kurzem Schockmoment „haben wir dann im Team Ideen geschmiedet“. Sie haben im Lager geschaut, welche Materialien, welche Gegenstände auch für andere Projekte als Messen eingesetzt werden können. Trennwände an Kundentheken, Spuckschutz im Supermarkt, Absperrbänder zur Distanzhaltung … kleine Schutzmaßnahmen für Einzelhändler und Arztpraxen in Coronazeiten. „Wir haben kurzfristig Plexiglaselemente erwerben können. Und schon haben wir Prototypen bauen können.“ Die Elemente sind kombinier- und flexibel einsetzbar. Sie können gemietet, aber auch erworben werden. „Ich bin zu sehr Unternehmer. Es kann doch nicht sein, dass es das nach 20 Jahren nun gewesen sein soll“, stemmt er sich gegen das Virus. Eine dauerhafte Lösung sei diese Produktpalette jedoch nicht. Stolper hofft darauf, dass das Messe-Geschäft wieder anzieht. Das ist sein Metier. Aber: „Aber erste Termine für den Herbst sind schon gecancelt.“

Tasting a casa

Zum Beispiel: Stefanie Lettini. In einem Innenhof an der Düsseldorfer Jahnstraße betreibt sie ihr „Lettinis“ – ein Feinkostgeschäft. Charmante Hinterhofstimmung in der Friedrichstadt. Ein Ladenlokal mit italienischem Lebensgefühl, das duftet, das atmet – das im März coronabedingt geschlossen werden musste. „Ich mache das seit 15 Jahren. Und auf einmal fällt der ganze Umsatz weg“, erinnert sich Stefania Lettini – wie sie zuerst erschrocken, dann alsbald kämpferisch war. Und irgendwann stellte sie fest: „So schnell betritt man Neuland!“ Das waren ihre ersten Worte in ihrem ersten Online-Tasting, Anfang April live via YouTube und Instagram. „Tasting a casa“ war geboren – Lettinis Weg, etwas vom verlorenen Umsatz zurück zu holen, aber vor allem „auch eine Möglichkeit, mit meinen Kunden irgendwie in Kontakt zu bleiben“.

Das erste Tasting war ein voller Erfolg. „Es hat viel Spaß gemacht. Das Feedback war echt toll“, sagt Stefania Lettini. Auch wenn es eine eine virtuelle Weinprobe sei, „gibt es doch Austausch, der berührt“ – wenn Kunden Fotos schicken, dass sie daheim zum Tasting ihren Tisch schön eingedeckt haben. Für die Kundinnen und Kunden wird für das Tasting ein Genusspaket zusammengestellt – verschiedene Weine, auch mal Gin, andere Spezialitäten sind eingepackt. Sie können sich diese Pakete abholen oder bringen lassen – und online mit Stefania Lettini genießen. Ersetzen kann „Tasting a casa“ das reguläre Geschäft nicht, sagt Lettini. „Aber diese Events wirken nach“, betont sie. Zum einen seien sie Motivation im Alltag. Zum anderen hat sich der Kundenkreis erweitert. „Sogar in München schalten sich Kunden ein.“ So wird’s das Online-Tasting auch in Zukunft geben.

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