Moritz und Caspar Garbe führen die lange Unternehmertradition ihrer Familie fort. Bei der Oberflächenfinish Kruk GmbH in Velbert setzen die Brüder auf klare Arbeitsteilung, Digitalisierung und das Know-how einer erfahrenen Belegschaft.
Autorin: Alexandra von Hirschfeld; © privat; Stand 09/2026
Man muss eine Branche nicht seit Jahrzehnten kennen, um in ihr unternehmerisch erfolgreich zu sein. Davon sind Moritz und Caspar Garbe überzeugt. Im September 2024 übernahmen die Brüder die Oberflächenfinish Kruk GmbH in Velbert – einen profitablen Industriebetrieb, den sie nun gemeinsam weiterentwickeln.
Unternehmertum hat in der Familie Garbe Tradition. Ihr Urgroßvater war Ende des 19. Jahrhunderts Mitbegründer der Deutschen Elektrizitäts-Werke zu Aachen, Garbe-Lahmeyer & Co. AG. Auch ihr Vater sollte später ein Unternehmen übernehmen, doch dazu kam es nicht. Der Wunsch, wieder ein Familienunternehmen zu haben, blieb.
Branchenfremd – aber nicht produktionsfremd
Ein Sprung ins völlig kalte Wasser war die Übernahme nicht. Beide Brüder brachten Erfahrungen mit, die sich auf das neue Geschäft übertragen ließen. Moritz Garbe ist Wirtschaftsingenieur mit MBA und seit rund 20 Jahren in der Industrie tätig. Hauptberuflich beschäftigt er sich mit der Transformation von Produktionsstandorten – standardisieren, integrieren, optimieren, automatisieren und digitalisieren. Gemeinsam mit seinem Bruder bringt er diese Erfahrungen bei Oberflächenfinish Kruk in Prozesse, Digitalisierung und betriebswirtschaftliche Themen ein. Caspar Garbe führt das Unternehmen operativ in Vollzeit. Als Ingenieur bringt er technisches und chemisches Know-how mit und kümmert sich insbesondere um Produktion, Anlagen und das Tagesgeschäft.


Ihr Kerngeschäft ist die Bearbeitung und Veredelung von Metalloberflächen, insbesondere das Eloxieren von Aluminium. Vom Einzelteil bis zur Serie arbeitet das Unternehmen unter anderem für Möbel- und Beschlagindustrie, Medizin- und Messtechnik sowie Maschinen- und Anlagenbau.
Was die Brüder an Know-how nicht mitbrachten, fanden sie im Unternehmen: jahrzehntelange Erfahrung geboren aus der Praxis. „Wir hatten das Glück, auf eine Mannschaft zurückgreifen zu können, die teilweise seit 30 Jahren im Betrieb ist“, sagt Caspar Garbe. Das lasse sich nicht in einem Lehrbuch finden.
Mehr Verantwortung statt Arbeiten auf Zuruf
Bewährtes erhalten, Strukturen und Abläufe standardisieren und optimieren: So lässt sich die Strategie der neuen Inhaber zusammenfassen. Anfang 2025 stellten sie einen Meister ein und wurden so zum Meisterbetrieb. Kennzahlen und Abläufe wurden transparenter, Verantwortlichkeiten erweitert. Die Beschäftigten sollen nachvollziehen können, welche Auswirkungen Nacharbeit und Reklamationen haben – und welchen Anteil ihre Arbeit am Unternehmenserfolg hat.
Zugleich investierten die Brüder nicht nur in die Technik, sondern auch in das Arbeitsumfeld: Aufenthaltsbereiche wurden renoviert, Gehälter erhöht und eine jährliche Weihnachtsfeier wieder eingeführt. Um als Team weiter zusammen zu wachsen, gibt es einmal im Monat eine gemeinsames Mittagessen im Betrieb. Dahinter steckt eine klare Haltung: Wer gute Arbeit erwartet, muss gute Bedingungen schaffen.
Der nächste Schritt ist die Digitalisierung. Gemeinsam mit einem IT-Spezialisten entwickeln sie eine digitale Steuerzentrale für den Betrieb. Produktions-, Schicht- und Urlaubsplanung, Anlageninformationen für eine geplante Instandhaltung sollen dort unter anderem zusammenlaufen.
Die Beschäftigten sollen direkt in der Produktion sehen können, welche Aufträge anstehen, und selbstständiger handeln. „Eigenverantwortung heißt nicht, Verantwortung abzuwälzen“, sagt Moritz Garbe. „Wir binden unsere Mitarbeitenden aktiv ein, stärken das Wir-Gefühl und schaffen ein optimales Arbeitsumfeld, um tägliche Ziele gemeinsam zu erreichen.“
Bei der Produktionsplanung und bei der Angebotserstellung soll KI perspektivisch unterstützen, erklärt Caspar Garbe. „Denn die ist in einem spezialisierten Betrieb komplex: Zeichnungen müssen geprüft, Legierungen und Bearbeitungsverfahren berücksichtigt und Preise so kalkuliert werden, dass sie technisch wie wirtschaftlich passen.“
Die Finanzierung als Hürde
Die größte Herausforderung im Übernahmeprozess war jedoch die Finanzierung. Die zähen Verhandlungen mit den Banken hätten die Übernahme beinahe scheitern lassen. Für Moritz Garbe ist das eine zentrale Hürde bei Unternehmensnachfolgen: Ohne ausreichend Eigenkapital oder persönliche Sicherheiten sei die Übernahme selbst eines gesunden Betriebs schwierig.
Für die Brüder hat sich der Schritt gelohnt. Nach einem verhaltenen Start ins laufende Jahr sehen sie das Unternehmen aktuell auf Wachstumskurs. Nun sollen weitere Serienkunden hinzukommen, perspektivisch auch aus den Niederlanden und Belgien. Neben den klassischen Farben Natur/Silber und Schwarz sowie dem elektrolytischen Färben (C-31 bis C-35), ist Vielfalt ein Alleinstellungsmerkmal: Rund zehn weitere Eloxalfarben sowie Sonderfarben auf Wunsch und mehrfarbiges beschichten ermöglichen Anwendungen weit über klassische Industriebauteile hinaus. Im Bereich der mechanischen Vorbehandlung werden auch weitere Leistungen angeboten: Bürsten, schleifen und polieren (E1 bis E5) sowie Trowalisieren und Strahlen.
Die ungewöhnliche Nachfolge überzeugte auch die IHK Düsseldorf: Sie nominierte Moritz und Caspar Garbe für den Nachfolgepreis.NRW 2026. Ausschlaggebend waren neben dem Schritt zweier branchenfremder Brüder ins Unternehmertum vor allem der Erhalt eines etablierten Industriebetriebs und seiner Arbeitsplätze sowie die konsequente Weiterentwicklung des Unternehmens.
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