Handicaps spielen keine Rolle

Shuyao mit dem Inklusionspreis der Wirtschaft ausgezeichnet

Die Stimmung ist gut: Unternehmerin Nicola Baumgartner (links) in der Teeabfüllung.

Text: Jürgen Grosche, Fotos: Paul Esser

Am 3. Dezember ist der Internationale Tag der Menschen mit Behinderungen. Ein Anlass, die Shuyao GmbH zu besuchen, bei der fast die Hälfte der Mitarbeitenden ein Handicap haben.

Ein großer Lagerraum gibt den Blick frei auf Regale voller Kisten. Sie enthalten Tees in allen möglichen Variationen. Von hier aus versorgt das Unternehmen Shuyao seine Kunden. Tee – das passt zum Umfeld im Creativ Center an der Hildebrandstraße im Düsseldorfer Stadtteil Friedrichstadt. Zwischen zwei Regalen geht Jürgen eine Liste durch, gleicht die Daten mit den Tee-Sets ab. „Ich arbeite hier die Pick-Liste für den Web-Shop ab“, sagt der 31 Jahre alte Mitarbeiter. Stück für Stück scannt er die Verpackungen und kontrolliert die Liste. Schon seit fünf Jahren arbeitet Jürgen bei Shuyao.
Durch den Integrationsfachdienst, der behinderte Menschen und Arbeitgeber zusammenbringt, kam er zu Shuyao. „Ich brauche etwas Zeit, bis ich die Zusammenhänge verstehe“, sagt er und beschreibt das, was man gemeinhin Lernbehinderung nennt. Jürgen ist nicht der einzige Mitarbeiter mit einem Handicap – im Gegenteil: Fast die Hälfte der rund 20 Mitarbeiter gehört zu der Gruppe, die häufig mit dem Stempel „behindert“ als schwer vermittelbar gilt.

„Mit mir bekommen Sie eine Mitarbeiterin, die nicht so viel redet und abgelenkt wird.“

Gehörlose Mitarbeiterin von Shuayao bei der Bewerbung

Nicola Baumgartner, Gründerin und Geschäftsführerin der Shuyao GmbH, kann das nicht nachvollziehen: „Ich gehe davon aus, dass alle Menschen bei uns arbeiten können, die ein Händchen für die Tätigkeiten entwickeln, die wir anbieten.“ Wie auch die drei Mitarbeiterinnen in einem weiteren, großen Raum hinter dem Lager. Dort füllen sie die kleinen Döschen mit Tee-Tagesrationen. Die duften nach Zitronengras, enthalten Beerenmischungen. Einige der recyclebaren, aus Pflanzenabfällen hergestellten, aber edel aussehenden Tagesdosen werden gefüllt mit Zutaten für Cold Brew Tee, der kalt aufgebrüht wird. Zwei der Mitarbeiterinnen sind gehörlos.

Handicaps spielen für Nicola Baumgartner aber keine Rolle: „Uns geht es nicht darum, Behinderte einzustellen, sondern gute Mitarbeiter zu finden.“ Die Unternehmerin erinnert sich noch genau an eine gehörlose Bewerberin, die sie im Jahr 2011 mit dem Argument überzeugte: „Mit mir bekommen Sie eine Mitarbeiterin, die nicht so viel redet und abgelenkt wird.“ Zu den Aufgaben des Personals gehören die Handkonfektionierung der Tees, die Mischung der Rezepturen in verkaufsfähige Produkte, die Verpackung, Logistik und verwaltende Tätigkeiten. „Wir achten primär auf Potenziale, Teamfähigkeit und Engagement – unabhängig von Behinderungen“, sagt die Geschäftsführerin und fügt hinzu. „Mit loyalen Mitarbeitenden, die Sinn in ihren Aufgaben sehen und Freude daran haben, erzielen wir eine klassische Win-win-Situation.“

„Positive Erfahrung“: Die Unternehmerin Nicola Baumgartner erklärt ihre Personalpolitik

Seit 2011 hat Shuyao immer wieder Menschen mit Handicaps eingestellt. Zunächst auch deswegen, damit sie sich nicht als Exoten fühlen, wie Nicola Baumgartner erklärt. Lutz Overrath, Fachberater für Inklusion bei der IHK Düsseldorf, rät den Unternehmen auch dazu, Menschen mit Behinderungen im Team einzustellen. „Eine gute Möglichkeit ist es, erfahrene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Handicap gleich bei der Ausbildung von Menschen mit Handicap mit einzubeziehen.“ Seit Mai 2019 informiert und berät Overrath die Mitgliedsunternehmen der IHK Düsseldorf über alle Themen, die sich mit der Einstellung, Ausbildung und Beschäftigung von Menschen mit Behinderung stellen. Dazu gehören natürlich auch die rechtlichen und technischen Sachfragen mit gleichem Hintergrund. Der IHK-Berater weist darauf hin, dass das Thema auch im Zusammenhang mit der Frage nach Lösungen für den Fachkräftemangel relevant ist: „Menschen mit Behinderungen sind wertvolle Arbeitskräfte, die am richtigen Platz volle Leistung erbringen können!“

Gebärdensprache bei QVC

Im Frühjahr wurde Shuyao für den Inklusionspreis für die Wirtschaft nominiert und schließlich damit ausgezeichnet. Der Preis würdigt Unternehmen, die in der Ausbildung und Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen vorbildlich sind. Damit soll er ein Impulsgeber für die Wirtschaft sein. Dieses Jahr wurde er zum achten Mal verliehen.
Die Juroren überzeugte auch das Engagement, das Nicola Baumgartner über die Tagesarbeit hinaus an den Tag legt. Neben den Vertriebskanälen Online-Shop, Geschäfte und Kaufhäuser nutzt Shuyao den größten deutschen Teleshopping-Sender QVC, der seine Studios ebenfalls in Düsseldorf betreibt. Im Dezember 2019 wurde dort auf Vorschlag von Nicola Baumgartner die erste Sendung mit Übersetzung in Gebärdensprache ausgestrahlt. Im Jahr 2006 gründete die Unternehmerin Shuyao zunächst als Teelounge an der Königsallee. Inspiriert dazu war sie durch eine einjährige Asienreise, bei der sie die Teekultur kennen- und schätzen lernte. Heute umfasst das Sortiment mehr als 200 Teesorten.

Die Corona-Krise trifft auch den Arbeitsmarkt. In einem weiteren Beitrag berichten wir, dass inzwischen deutlich weniger Berufstätige mit Behinderungen gibt.

Please accept preferences cookies to watch this video.
Lutz Overrath erzählt von seiner Arbeit als Fachberater für Inklusion bei der IHK Düsseldorf.

Die Inklusionsberatung der Industrie- und Handelskammern im Rheinland werden vom Landschaftsverband Rheinland gefördert.

Ihre Meinung ist gefragt: Haben Sie Fragen oder Anregungen? Dann schreiben Sie uns eine E-Mail an die Redaktion.