Text: Lothar Schmitz, Fotos: Melanie Zanin

„Ausbildungsmarkt im Dornröschenschlaf“ – „Lage auf dem Ausbildungsmarkt verheerend“ –  „Das Coronavirus bedroht die Ausbildung in Deutschland“. Jens Peschner ärgert sich über solche Überschriften, wie er sie in den vergangenen Wochen immer wieder lesen musste. „So kann man das nicht stehenlassen“, findet der Bereichsleiter Berufsbildungsmarketing und -projekte der IHK Düsseldorf. Er sieht die Lage viel positiver.

„Ja, es gibt viel Verunsicherung auf Seiten ausbildungswilliger Jugendlicher und auf Seiten vieler Unternehmen“, weiß Peschner. „Und ja: Firmen, die eine Insolvenz fürchten, haben derzeit andere Sorgen als Ausbildungsakquise.“ Aber: „Eine große Mehrheit der Ausbildungsbetriebe will trotz der Corona-Krise an ihrem Ausbildungsengagement festhalten.“ Eine Blitzumfrage der IHK bei ausbildenden Unternehmen machte Mitte April deutlich, dass 87 Prozent der Betriebe ihr Ausbildungsengagement auf dem bisherigen Niveau halten wollen.

Eine weitere Bestandsaufnahme vier Wochen später bestätigte diesen Trend. Insbesondere bei den Großunternehmen war die Ausbildungsbereitschaft zum Stichtag 15. Mai ungebrochen. Insgesamt warten aber noch elf Prozent der Unternehmen die weitere Entwicklung ab, bevor sie die Ausbildungsentscheidung endgültig treffen.

Karl Kramer freut sich, dass Dilara Bölükbas am 1. August ihre Ausbildung zur Kauffrau für Versicherungen und Finanzen in seiner Generalvertretung beginnt.

Klar ist jedenfalls: „Die Krise wird vorübergehen und danach brauchen wir weiterhin gute Fachkräfte“, betont etwa Karl Kramer, Inhaber der HDI-Generalvertretung Karl Kramer in Düsseldorf. Jérôme Didelet, geschäftsführender Gesellschafter der CAD Konstrukt Gebäudetechnik GmbH in Langenfeld, sagt ebenso unmissverständlich: „Wir brauchen Fachleute mit Spezialkenntnissen“.

Das sind zwei Stimmen von vielen, die Peschner zu der Überzeugung bringen, dass es vielleicht eine Delle im Ausbildungsgeschehen geben wird, aber ganz bestimmt keine „Verheerung“. Was er allerdings feststellt, ist eine gewisse Verschiebung gegenüber den Vorjahren. „Natürlich hat die Krise zunächst einmal viele Firmen verunsichert“, weiß er. Umsatzeinbrüche, Kurzarbeit, vorübergehende Betriebsschließungen etwa im Eventbereich, in der Hotellerie und Gastronomie. „Das hat auch die Ausbildung sowie die Vorbereitungen auf das nächste Ausbildungsjahr ausgebremst“, sagt Peschner.

„Wir brauchen Fachleute mit Spezialkenntnissen. Der Markt gibt das nicht her. Also bilden wir aus. Auch jetzt.“

Jérôme Didelet

Nur wird sich diesmal alles verschieben. „Eigentlich wären wir jetzt gerade in der absoluten Hochphase unserer Ausbildungsplatzvermittlung“, berichtet Monika Breuer, Ausbildungsberaterin im Team von Jens Peschner. „Diesmal ist es so, dass die Kurve erst jetzt langsam nach oben geht, die Spitze erreichen wir wohl erst im Herbst.“

Das wird dazu führen, dass viele Ausbildungsverhältnisse nicht klassischerweise am 1. August oder 1. September, sondern später beginnen werden. Dabei ist Breuer und Peschner die Botschaft wichtig, dass dies möglich ist. „In Abstimmung zwischen ausbildendem Unternehmen, angehenden Azubis, IHK und Berufsschule kann eine Ausbildung auch während des formal im Sommer beginnenden Ausbildungsjahres noch starten!“

Bewerben in der Krise

Dilara Bölükbas muss nicht so lange warten, sie startet ihre Ausbildung am 1. August. Ihr Ausbildungsbetrieb: die HDI-Generalvertretung Karl Kramer.

Die Düsseldorferin studierte nach ihrem Abitur zunächst drei Semester Soziologie in Wuppertal. Während sie immer mehr zweifelte, ob der sehr theoretisch ausgerichtete Studiengang wirklich zu ihr passt, schob sich ihr kaufmännisches Interesse immer stärker in den Vordergrund – auch durch ihre Arbeit in einer „Subway“-Filiale, die sie schon neben der Schule begonnen hatte. Systematisch informierte sie sich über entsprechende Ausbildungsberufe, bis sie sich sicher war, dass der Beruf „Kaufmann/-frau für Versicherungen und Finanzen“ der richtige für sie wäre.

Sie kannte HDI, eine der großen europäischen Versicherungsgruppen mit Deutschlandsitz in Hannover – und bewarb sich dort. HDI vermittelte sie an die Generalvertretung Karl Kramer. Zum Bewerbungsgespräch traf sie den Versicherungsbetriebswirt noch persönlich. Wegen der fortschreitenden Corona-Pandemie fand ein zweites Gespräch, in dem es um den Vertrag ging, dann telefonisch statt. Die letzten Details besprachen die beiden dann wieder persönlich – „mit Atemschutzmaske und viel Abstand“, erinnert sie sich.

„Den vertrag schlossen wir mit Atemschutzmaske und viel Abstand“

Dilara Bölükbas

Kramer freut sich auf die 22-Jährige. Er bildet eine Bürogemeinschaft mit Christoph Dirkes, der ebenfalls eine HDI-Generalvertretung betreibt. Ausbildung ist den beiden ein Kernanliegen. Das gemeinsame Team besteht aus acht Personen – und darunter sind stets ein oder mehrere Auszubildende im Beruf „Kaufmann/-frau für Versicherungen und Finanzen“. Erst im Januar beendete einer seine Ausbildung, ein weiterer befindet sich gerade im dritten Lehrjahr. Und ab Sommer verstärkt Dilara Bölükbas das Team.

Wenn alles gut geht, werden sich bis dahin die Abläufe in Betrieben und Berufsschulen wieder schrittweise normalisiert haben. Im März und April waren die Umstände besondere. „Wir hatten eine Zeitlang geschlossen und auch davor und danach weniger Kundengespräche vor Ort als sonst“, erzählt Kramer. „Dafür lief viel über Telefon, Mail sowie Online-Beratung über ‚Fast Viewer‘.“ Zeitweise war sein Team auch im Homeoffice – Azubi inklusive. „Die Ausbildung konnten wir trotzdem fortsetzen“, sagt Kramer. Auch der Azubi wurde technisch so ausgestattet, dass er von zu Hause aus vollen Zugriff auf die Systeme hatte.

Erfolgreiches Matching trotz Corona

Ebenfalls am 1. August startet Markus Hanswin in die Ausbildung. Auch seine Bewerbung fiel in die letzten Wochen vor und die ersten Wochen in der Coronakrise. Hanswin studierte zunächst vier Semester Energie- und Umwelttechnik an der Hochschule Düsseldorf, bevor auch ihm klar wurde: „Ich bin ein praxisorientierter Mensch!“ Auf zwei Stunden Praxis seien 30 Stunden Theorie gekommen – ein Missverhältnis, an dem er etwas ändern wollte.

Gesucht – gefunden: Markus Hanswin beginnt seine Ausbildung am 1. August bei der CAD Konstrukt Gebäudetechnik GmbH in Langenfeld.

Zwei Ausbildungsberufe interessierten ihn: „Produktionstechnologe/-in“ und „Technische/-r Systemplaner/-in“. Er bewarb sich bei verschiedenen Firmen – und wandte sich an die IHK. Dort beriet ihn Monika Breuer. Sie gab ihm Tipps für die Bewerbung, schlug ihm geeignete Ausbildungsbetriebe vor und bahnte schließlich das „Matching“ an.

Kurz vor dem Lockdown lud ihn Jérôme Didelet von CAD Konstrukt in Langenfeld zum Bewerbungsgespräch ein. Hanswin konnte sogar direkt in dem Konstruktionsbüro einsteigen, das sich auf haustechnische Anlagen spezialisiert hat und Ingenieure, Handwerksfirmen, Anlagenbauer sowie die Industrie bei der Anfertigung technischer Zeichnungen sowie technischer Berechnungen unterstützt. Auf Basis eines bezahlten Praktikums kann er schon jetzt seinen künftigen Ausbildungsplatz kennenlernen und sich in die Themen einarbeiten.

Jérôme Didelet freut sich, Markus Hanswin für sein Konstruktionsbüro gewonnen zu haben, denn „es reicht eben nicht, auf Sicht zu fahren“.

Davon profitiert auch Didelet. „Trotz Coronakrise laufen die Geschäfte nämlich gerade ziemlich gut“, erzählt der Unternehmer. Der Grund: ein riesiges Projekt für die Deutsche Bahn. Die baut in München in den nächsten Jahren den Hauptbahnhof, den Ostbahnhof sowie einen S-Bahn-Halt und ein ICE-Werk um und setzt dabei auf die Dienstleistungen von CAD Konstrukt.

Dazu kommt ein weiterer Grund: „Wir sind ein kleiner, spezialisierter Ingenieurdienstleister und finden auf dem Markt einfach nicht die Fachkräfte, die wir benötigen“, erzählt Didelet. Ein qualifizierter Bewerber könne zwischen zehn Stellen wählen. „Deshalb bilden wir selbst aus“, sagt Didelet. Sein Team besteht aus acht Leuten – und wie bei Kramer sind stets Azubis dabei. Derzeit sind es zwei, jeweils im zweiten Lehrjahr. Außerdem ein ehemaliger Azubi, der seine Ausbildung zum „Technischen Systemplaner“ 2018 beendete und übernommen wurde. Im August beginnt Hanswins Ausbildung. „Es reicht eben nicht, auf Sicht zu fahren“, findet Didelet, „wir müssen an die Zukunft denken!“

Hier finden Sie weitere Informationen zum Ausbildungsmatching der IHK Düsseldorf.

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